Wenn Jung und Alt einander begegnen

Gemeinsam über grundlegende Fragen des Lebens nachdenken – ein intergenerationelles Begegnungsprogramm

Dass junge und alte Menschen heute selten zusammen-kommen, wird oftmals bedauert – meist in der wehmütigen Rückschau auf die frühere Großfamilie, als mehrere Generationen unter einem Dach lebten. Aber was wird eigentlich bedauert? Unter anderem, dass durch das Nebenher statt eines Miteinanders der Generationen die Jungen wenig von den Alten lernen und umgekehrt die Alten keine Lebenserfahrung an die Jungen weitergeben können. Entwicklungspsychologisch sind mit Robert Havighurst und Erik Erikson zwei zentrale Entwicklungsaufgaben oder -themen angesprochen, die das Jugend- bzw. hohe Erwachsenenalter kennzeichnen: die Ausbildung einer reifen Identität und das Erleben von Generativität. Jugendliche beschäftigen sich damit, wer sie sind und wie sie ihr Leben gestalten wollen. Alten Menschen ist es ein Anliegen, den jüngeren Kenntnisse und Erkenntnisse zu vermitteln, die sie in einem langen Leben erworben haben.

Vor diesem Hintergrund liegt es nahe, jungen und alten Menschen die Möglichkeit zu bieten, sich zu begegnen, um über grundlegende Fragen des Lebens zu sprechen: Wer bin ich, wer will oder soll ich sein? Was ist mir wichtig im Leben? Wie gehe ich mit Erfolgen und Misserfolgen, Glücksmomenten und Schicksalsschlägen um? Was bedaure ich im Rückblick auf mein Leben, was plane ich für meine Zukunft? In der Abteilung für Entwicklungspsychologie der Universität Trier wurde ein Begegnungsprogramm erstellt und durch-geführt, welches das gemeinsame Nachdenken über derartige existenzielle Fragen in den Mittelpunkt stellt. Antworten sollten aber nicht in den Worten der großen Denkerinnen und Denker gefunden werden; es war kein philosophisches Seminar geplant. Vielmehr war der Leitgedanke, dass aus den Lebensgeschichten der Teilnehmenden sinnvolle Antworten auf die genannten Fragen gegeben werden können.

Programmziele

Mit dem intergenerationellen Begegnungsprogramm »Lebensgeschichten« verfolgten wir drei Ziele. Aufseiten der jungen Teilnehmenden sollte der Austausch über existenzielle Fragen zur Auseinandersetzung mit sich selbst anregen und dazu beitragen, dass man Einsicht darüber gewinnt, wer man ist und wie man leben möchte. In der psychologischen Identitätsforschung wird von »Selbstklarheit« gesprochen: das Ausmaß, in dem das Selbstbild einer Person für diese in seinen verschiedenen Aspekten und über die Zeit hinweg stimmig und konsistent ist und auch eine gute Passung zum eigenen Verhalten aufweist. Selbstklarheit vermittelt Selbstsicherheit, gibt der Lebensgestaltung eine produktive Dynamik und vermittelt so Selbstwert und Wohlbefinden.

Aufseiten der alten Menschen ging es um das Bedürfnis nach Generativität. Im jungen Erwachsenenalter bezieht sich Generativität meist auf die Zeugung und Erziehung von Kindern. Im höheren Erwachsenenalter geht Generativität darüber hinaus. Sie ist nicht auf die eigene Nachkommenschaft beschränkt und beinhaltet vielfältige Formen der Verantwortungsübernahme für künftige Generationen. Dies kann beispielsweise soziales und ökologisches Engagement sein oder das Bemühen, jungen Menschen eigene Lebenserfahrung weiterzugeben. Für alte Menschen ist generatives Handeln Quelle und Ausdruck von Lebenssinn, dies auch vor dem Hintergrund der eigenen Endlichkeit. Man leistet etwas oder gibt etwas weiter, das über das eigene Leben hinaus Bestand hat und als wertvoll erlebt wird. Das Begegnungsprogramm »Lebensgeschichten« sollte bei alten Teilnehmenden das Bemühen um und die Realisierung von Generativität erhöhen.

Schließlich sollte die Teilnahme am Begegnungsprogramm »Lebensgeschichten« dazu beitragen, Altersstereotype abzubauen. Von Altersstereotypen wird meist nur im Sinne des (über-)generalisierten Bildes gesprochen, das junge Menschen von alten haben. Nun bedeutet Altersstereotyp im allgemeinen Sinne aber das Bild einer beliebigen Altersgruppe (z. B. »die Jungen«, die Alten«). So haben alte Menschen auch ein Altersstereotyp des jungen Menschen. Vor dem Hintergrund des generellen Jugendideals ist das Bild von jungen Menschen typischerweise positiver als das von alten. Wir gingen davon aus, dass durch die Teilnahme am Begegnungsprogramm das Bild, das junge Menschen von alten haben, wie auch das Bild, das alte Menschen von jungen haben, positiver wird. Diese Annahme spiegelt die sogenannte »Kontakthypothese« von Gordon Allport. Ihr zufolge gibt es kein geeigneteres Mittel, Vorurteile abzubauen, als Kontakt zwischen den relevanten Gruppen zu ermöglichen.

Programmkonzeption

In der Konzeption des intergenerationellen Begegnungsprogramms »Lebensgeschichten« stützten wir uns auf das »Life Story Interview« von Dan McAdams. Es handelt sich um ein qualitatives Verfahren, mit dem halb strukturiert – also mit einer gewissen Offenheit der Gesprächsführung – individuelle Entwicklungsläufe erfasst werden. Dies geschieht jedoch nicht chronologisch, sondern anhand der großen Themen, die das Leben schreibt. Das »Life Story Interview« zählt zu den etabliertesten Verfahren der Biografieforschung. Es wird dem narrativen Aspekt unserer Identität gerecht. Wer wir sind, manifestiert sich in den Geschichten, die wir von uns erzählen: »the stories we live by« (so auch der schöne Titel einer Monografie von McAdams zu narrativer Identität). Besonders vorteilhaft für das Begegnungsprogramm erschien uns die Verknüpfung von Lebensrückschau und Lebensplanung; beide Aspekte sollten sich bestens für den intergenerationellen Dialog eignen. Das Interviewformat von McAdams wandelten wir in ein Gruppenprogramm um. Dabei wurden die Gliederungspunkte des »Life Story Interview« beibehalten und auf zehn Gruppentreffen mit jeweils 90-minütiger Dauer aufgeteilt.

Ein Gruppentreffen beginnt mit der Begrüßung und einer kurzen Einführung in das jeweilige Thema. Ein Eisbrecher eröffnet dann das Gruppengespräch. Drei Beispiele sollen verdeutlichen, was Eisbrecher sind: Beim Thema »Lebenskapitel« ist der Eisbrecher eine Abbildung von Lebenstreppen, einem beliebten Thema in der Volkskunst des 19. Jahrhunderts. Die menschlichen Entwicklungsabschnitte – vom Säuglings- bis ins Greisenalter – werden als eine Stufenfolge dargestellt. Bis zu einem gewissen Alter geht es die Treppe aufwärts und dann wieder abwärts. In das Thema »Lebenserinnerungen« wiederum wird mit »Madeleines« eingeführt, jenem Gebäck, das Marcel Proust in seiner »Suche nach der verlorenen Zeit« in seine Kindheit zurückversetzt. Die Episode aus Prousts Roman wird natürlich erzählt, und alle Teilnehmenden bekommen eine »Madeleine« gereicht. Der Eisbrecher für das Thema »Lebensplanung« ist der bei alten Menschen unvergessene Schlager »Für mich soll's rote Rosen regnen« von Hildegard Knef: »Mit 16 sagte ich still: Ich will, will groß sein, will siegen, will froh sein, nie lügen […]«.

Die Moderatorinnen und Moderatoren greifen nur dann in das Gruppengespräch ein, wenn eines der Gruppenmitglieder sehr starke Emotionen zeigt (z. B. weint), grob vom Thema abweicht, den Vortrag dominiert oder sich ganz zurückzieht. Sie achten auch auf ungefähr ausgewogene Redeanteile zwischen den Generationen. Am Ende werden die Teilnehmenden um einen kurzen Rückblick auf das Treffen gebeten. Die erste und die letzte Sitzung unterscheiden sich von den anderen dadurch, dass sie eine Vorstellung der Teilnehmenden und des Programms bzw. eine kleine Abschiedsfeier mit Gruppenfoto beinhalten.

Pilotprojekt

In den vergangenen beiden Jahren haben wir das neu entwickelte Begegnungsprogramm »Lebensgeschichten« in mehreren Altenheimen der Region Trier durchgeführt. Für die Realisierung des Projekts wählten wir das Altenheim, weil dieser Ort hochgradig alterssegregiert ist. Das heißt, hier bleiben alte Menschen weitgehend unter sich, wenn man vom Kontakt mit professionellen Pflegekräften und Familienmitgliedern jüngeren Alters absieht. Schon aufgrund dieser Segregation dürfte das Bedürfnis nach Generativität bei Altenheimbewohnerinnen und -bewohnern besonders ausgeprägt sein. Die jungen Teilnehmenden waren Schülerinnen und Schüler Trierer Gymnasien.

Das durchschnittliche Alter der jungen Teilnehmenden war 16 Jahre, die alten Teilnehmenden waren durchschnittlich 84 Jahre alt. Damit betrug die mittlere Altersdifferenz stattliche 68 Jahre oder in etwa zwei Generationen (wenn man die Generationendauer mit 25 bis 30 Jahre bemisst).

Insgesamt zwölf Begegnungsgruppen haben wir zusammengestellt. Jede bestand aus jeweils fünf Schülerinnen und Schülern und sechs Altenheimbewohnerinnen und -bewohnern. Durch die leichte Überzahl der alten Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollten krankheitsbedingte Ausfälle, die im hohen Alter wahrscheinlicher sind, ausgeglichen werden. Die Zusammenstellung der zwölf Begegnungsgruppen war übrigens eine echte logistische Herausforderung: Gerade die Schülerinnen und Schüler haben durch Ganztagsbeschulung und Freizeitverpflichtungen recht volle Terminkalender. Aber auch in den Altenheimen waren durch institutionelle Abläufe und gemeinschaftliche Aktivitäten terminliche Grenzen gesetzt.

Programmevaluation

Wir haben das Begegnungsprogramm doppelt evaluiert: direkt, also im Hinblick auf das Programm an sich, und indirekt, indem wir Veränderungen durch das Programm untersucht haben. Bei der direkten Evaluation ging es insbesondere darum, ob sich die Generationen während der einzelnen Treffen miteinander wohlfühlten und ob sie voneinander lernen konnten. Aufgrund der Rückmeldungen können wir beide Fragen deutlich bejahen. Interessant war, dass mehr alte Teilnehmende angaben, von den jungen gelernt zu haben, als es umgekehrt der Fall war. Aufgrund unserer Generativitätsüberlegungen hätten wir ein umgekehrtes Muster erwartet. Das Ergebnis widerspricht auch dem verbreiteten Altersstereotyp, wonach alte Menschen nicht mehr wissbegierig und lernfähig sind.

Bei der indirekten Evaluation ging es um die drei oben skizzierten Variablen, für die wir eine Veränderung erwarteten: Selbstklarheit, Generativität und Altersstereotype. Unsere Veränderungsmessung beinhaltet zwei Aspekte: die Veränderung vom Zeitpunkt vor der Programmteilnahme bis unmittelbar danach (Prä-Post-Veränderung) und die längerfristige Veränderung, die sich auf den Zeitpunkt drei Monate nach Programmteilnahme bezieht (Follow-up-Messung). Zudem wurden Veränderungen immer im Vergleich mit einer Kontrollgruppe untersucht, die nicht am Programm teilnahm.

Hinsichtlich der Selbstklarheit der jungen Programmteilnehmerinnen und -teilnehmer war tatsächlich eine stetige Zunahme bedingt durch das Begegnungsprogramm zu verzeichnen. Dieser erwartungsgemäße Befund hing weiterhin von Persönlichkeitseigenschaften ab. Insbesondere die extravertierten und verträglichen Teilnehmenden zeigten nach dem Programm eine höhere Selbstklarheit. Die Kontrollgruppe gewann im selben Zeitraum nicht an Selbstklarheit hinzu.

Entgegen unserer Erwartung wurde bei den alten Programmteilnehmenden nicht generell generatives Verhalten über die Programmteilnahme hinaus angestoßen. Dies war nur bei jenen der Fall, die extravertiert, verträglich und gewissenhaft waren. Zudem war ein relatives hohes kognitives Funktionsniveau notwendig. Wiederum erwartungsgemäß zeigte sich, dass alte Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die nach Beendigung des Programms in verstärktem Maße generativ handelten, auch über ein höheres Wohlbefinden berichteten.

Wie erwartet veränderten sich auch die Altersstereotype, die die Teilnehmenden im Hinblick auf die jeweils andere Altersgruppe zeigten. Nach der Programmteilnahme berichteten die jungen Teilnehmenden ein positiveres Bild von alten Menschen, und umgekehrt berichteten die alten Teilnehmenden auch ein positiveres Bild von jungen Menschen. Diese Positivierung nahm zum dritten Messzeitpunkt, der Follow-up-Messung, wieder ab, lag aber dennoch über dem Niveau des ersten Messzeitpunktes vor Programmbeginn. In der Kontrollgruppe hingegen waren die Altersstereotype recht stabil über die Zeit. Das beschriebene Muster trat unabhängig von Persönlichkeitseigenschaften und aufseiten der alten Teilnehmenden auch unabhängig vom kognitiven Funktionsstatus auf.

Fazit und Ausblick

Insgesamt hat sich das neu entwickelte intergenerationelle Projekt »Lebensgeschichten« in der Pilotphase bewährt. Es kontert zwei Kritikpunkten, die immer wieder an intergenerationellen Programmen geäußert werden: dass sie unzureichend theoretisch fundiert und nur mangelhaft evaluiert sind. Wir hoffen, dass das Begegnungsprogramm an der Schnittstelle von Jugend- und Altenarbeit künftig häufig zum Einsatz kommen wird. Ein praxisnahes Handbuch, das wir unentgeltlich zur Verfügung stellen, soll es ermöglichen, das Begegnungsprogramm vor Ort eigenständig durchzuführen und den jeweiligen Gegebenheiten anzupassen.

Lebensgeschichten« ist auch berufspolitisch ein innovatives Programm: Psychologinnen und Psychologen sind im Bereich der angewandten Gerontologie bislang eher unterpräsentiert. Für die Durchführung intergenerationeller Begegnungsprogramme wie »Lebensgeschichten«, die über eine gemeinsame Freizeitbeschäftigung von Jung und Alt hinausgehen, sind sie geradezu prädestiniert.

Dr. Dirk Kranz, Nicole Maria Thomas, Prof. Dr. Jan Hofer

Die Autorin und die Autoren danken dem Bundesministerium für Bildung und Forschung für die Förderung dieses Projekts (BMBF 03VP02120).

Das Handbuch zum intergenerationellen Begegnungspro-gramm »Lebensgeschichten« kann in digitalisierter Form gerne bei Nicole Maria Thomas (lebensgeschichten@uni-trier.de) angefordert werden.

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