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"Das Leben auf festem Boden, das ist so zu schätzen!" - Wie ein Psychologe das Erdbeben in der Türkei erlebte

Interview

Dr. Omar Chehadi ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie der Ruhr-Universität Bochum und Beisitzer im Vorstand der Sektion Verkehrspsychologie des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP). Er hatte einen Urlaub bei Ihrer Familie geplant und erlebte dann eine der schlimmsten Naturkatastrophen der letzten hundert Jahre, das Erdbeben in der Türkei und Syrien am 6. Februar 2023, live vor Ort. 

Herr Dr. Chehadi, wie haben Sie das Erdbeben erlebt?

Ich wollte am Dienstag zurückfliegen. Am Montag um 04:17 Uhr bebte dann die Erde. Ich hörte Schreie. Ich habe selber geschrien. Das erste Beben hörte nicht auf. Es war rund zwei Minuten lang. Man konnte den Boden nicht festhalten unter den Füßen. Es war klar, wir müssen schnell das Haus verlassen. Ich griff meine Jacke und meine Socken. Socken sage ich, weil viele Menschen ohne Socken unterwegs waren, und das bei 10 cm Schnee und Regen. Eigentlich das schlimmste Wetter, das man sich für so ein Erdbeben vorstellen kann. Wir sind dann in unseren 7-Sitzer-Dacia eingestiegen, zu zwölft. Zum Glück, muss ich als Verkehrspsychologe sagen, gibt es in der Türkei keine Pflicht für den Kindersitz, sonst hätten wir nicht alle reingepasst. Wir waren alle am Zittern. Mein Bruder hat beim Losfahren, zweimal das Auto abgewürgt. Wir sind zu einem Stadtpark gefahren, um keine hohen Gebäude in der Nähe zu haben. Dann erst haben wir über Social Media das ganze Ausmaß des Unglücks wahrgenommen. 
Meiner engsten Familie ist nichts passiert. Was schlimm war: Durch die Sozialen Medien hat man schnell erfahren, wer von den Bekannten und Verwandten es nicht überlebt hat: Ein Schulkamerad meines Neffen, der unter seinem Haus begraben worden ist, Freundinnen meiner Mutter, die gestorben sind. Viele Menschen haben jemanden verloren, den sie gekannt haben.

Wie haben Sie als Psychologe sich selbst und das Unglück wahrgenommen?

Die Kinder meiner Brüder waren sehr ruhig. Kein Kind hat geweint. Es heißt ja, dass Kinder in Extremsituation so ruhig werden. Ich war die ersten Momente fokussiert, was macht das mit mir? Das Zittern, das musste ich akzeptieren. Das das ist eine gewaltige Wucht, da hast du keine Chance, dich dagegen zu wehren. Und dann als wir quasi zwei Tage nicht geschlafen hatten, niemand traute sich zurück in die Häuser, fing meine Arbeit als Psychologe an. Ich begann, mich mit der Reizbarkeit und Schlaflosigkeit auseinanderzusetzen. Ich habe Gespräche geführt. Ich habe versucht, meine Mitmenschen davon zu überzeugen, dass dieses gereizte Gefühl des Rumzickens normal ist. Wir wollten nicht in unsere Häuser zurück und haben dann unser Lager in einer Schule aufgeschlagen. 
Ich habe schon 1999 in Syrien ein Erdbeben erlebt. Es war aber nur kurz und schnell wieder vorbei. Aber dieses im Februar in der Türkei hat nicht aufgehört. Das hat die Menschen sozusagen noch mehr unter Strom gesetzt, permanent. Wir reden immer davon, wenn wir mit traumatisierten Patienten arbeiten, vom Hyperarousal oder der Hilflosigkeit. Aber wenn man das am eigenen Leib erlebt, dann weiß wie groß dieses Ausmaß ist. Man wird aus dem Schlaf gerissen, weil es wackelt. Man rennt los, ohne zu wissen wohin.

Wie konnten Sie als Psychologe vor Ort helfen?

Wir waren permanent in Alarmbereitschaft. Das Essen haben wir am ersten Tag total vergessen. Wir haben den Tag-Nacht-Rhythmus verloren. Wir sind auch in der Schule häufiger nach draußen gegangen, weil wir uns eingebildet haben, dass es wackelt, obwohl es ruhig war. Das sind alles normale Phänomene, auch das Wiedererleben. Abends habe ich psychologische Unterstützung in der Gruppe angeboten. In der Schule waren sechs, sieben Familien mit 10 bis 12 Mitgliedern. Es ging um Ablenkung, ums Reden. Für mich ging es um das Umschalten in einen anderen Modus, das Helfen anderer. 
Mein Bruder ist Mitbegründer der seit 2016 bestehenden Nichtregierungsorganisation „Orange“. Hierdurch gibt es eine gute Vernetzung und Kenntnis über Krisenhilfe. So konnten wir schnell helfen. In der Nähe war eine Moschee, dort haben wir Aktivitäten, einfache Spiele für Kinder angeboten. Dann sagte eine Mutter zu uns: „Mein Sohn hat seit dem Erdbeben vor vier Tage nicht geredet. Heute ist das erste Mal.“ Wenn das Maß an Zerstörung riesengroß ist, dann hilft nur das Helfen im Kleinen. 

Nach Ihrer Rückkehr nach Deutschland, welche Hilfe haben Sie organisiert?

Nach dem traumatischen Erlebnis gibt es bei Betroffenen häufig Erinnerungslücken. Dann werden andere Erlebnisse mit dem Geschehen im Gehirn assoziiert, zum Beispiel das Wackeln des Erdbodens mit dem Gefühl, ich könnte gleich sterben. Diese Verankerungen werden dann gefestigt. Das kleinste Wackeln erinnert mit der gleichen Intensität an das erlebte Geschehen. Das ist normal in den ersten Tagen Wochen. Doch wenn es nach Monaten noch anhält, wird es problematisch. 
Bei uns hatte das erste Beben nicht so viele Spuren hinterlassen wie die Nachbeben. Beim ersten Beben hatten wir gedacht, dass die Häuser einfallen können, bei den Nachbeben wussten wir, dass sie fallen können. Nach dem wir die ganzen Videos und Bilder in den Sozialen Medien gehen haben, waren wir ständig in Alarmbereitschaft. Wir waren ständig gestresst, dieses Arousal, diese Erregung - die wird man schwer wieder los. 
Allein das Leben auf festem Boden, das ist so zu schätzen. Durch meine Arbeit, durch mein Verständnis von Trauma, Trauma-Erlebnissen, posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) habe ich einen ganz anderen Zugang. Wir haben, hier an der Ruhr-Universität Bochum angefangen, eine Website zu erstellen, eine kleine Online-Praxis aufzubauen, wo Menschen niedrigschwellig kurze Antworten auf Ihre Fragen bekommen. 

Wie können die Psychologen-Verbände, wie kann der BDP helfen?

Wir wollen den Menschen vor Ort schnell psychologisch zu helfen, sowohl in der Türkei und Nordsyrien als auch hier in Deutschland den Angehörigen vor Ort. Wir wissen, dass wenn man den Menschen in der ersten Phase nicht hilft, sie posttraumatische Belastungsstörungen entwickeln können von diesem Akut-Trauma. Das kenne ich aus meiner Arbeit als Verkehrspsychologe. Bei schweren Verkehrsunfällen wird den Betroffenen immer ein Gespräch angeboten, um vorzubeugen möglichen späteren Folgen.
Der BDP-Verband ist hier auch gefragt, durch politische Arbeit, durch Medien-Arbeit. Er sollte thematisch darauf hinweisen, an die Politik herantreten und sagen, dass Psychologie auch wichtig ist. Der BDP sollte auch Politiker fragen, warum es keine Unterstützung für psychologischen Support gibt, warum keine Menschen dorthin geschickt werden, die man für Gespräche bezahlen kann. Wichtig ist dabei auch: Psychologische Unterstützung muss auch nachhaltig sein. 
Helfen können auch Kooperationen mit türkischen Initiativen oder auch in Syrien, Nord-Syrien. Mit dem türkischen Verband haben wir aber noch keine Zusammenarbeit. Wir wissen aber, dass hier in Deutschland auch der Forschungsstand viel weiter als in der Türkei ist. Wir können viel anbieten, von unseren Erfahrungen her, was Traumabehandlung angeht oder die Bewältigung von traumatischen Erlebnissen. Es ist wichtig die psychologische Unterstützung dort hin zu bringen, wo sie gebraucht wird.

Die Ruhr-Universität Bochum bietet unter diesem Link online psychologische Informationen und Ressourcen für Betroffene, Angehörige und Therapeuten in verschiedenen Sprachen an.

Hier können Sie das Interview mit Herrn Dr. Chehadi noch einmal als langes (15:18 Min.) und kurzes (03:29 Min.) Video sehen: 

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Psychologie in Krisen
Erdbebenkatastrophe in der Türkei und Syrien
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