PM: Viele Familien überfordert

Neue Herausforderungen für Politik und Gesellschaft, Wissenschaft und psychologische Praxis

Für eine verstärkte Unterstützung von Familien jenseits rein finanzieller Förderung hat sich der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) ausgesprochen. In seinem diesjährigen Bericht zur Situation von Familien in Deutschland aus familienpsychologischer Sicht verweist der BDP auf eine zunehmende Zahl von Familien, die mit der Erziehung schlicht überfordert sind. Der Bericht wird am 9. Juni im Tagungszentrum der Bundespressekonferenz in Berlin vorgestellt.

Psychologen verstehen unter dem Begriff der "Familie" mehr als es unser Rechts- bzw. Steuersystem definiert. Die Psychologie befasst sich unter diesem Etikett auch mit Paaren ohne Kinder, mit "Regenbogen-" und "Patch-Work-Familien" sowie mit der Mehrgenerationen-Familie. Dieses Spektrum spiegelt der Bericht wider.

Die Überforderung gelte nicht nur für die inzwischen auf über 2,7 Millionen angewachsene Zahl alleinerziehender Mütter (90 %) und alleinerziehender Väter. Eine zusätzliche Herausforderung entstehe durch die wachsende Zahl von Familien mit Migrationshintergrund (immerhin 2,3 Millionen) und das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Traditionen und Konzepte in der Erziehung. Besonders deutlich werde dies in Städten wie Berlin, wo bereits jeder vierte Einwohner und 40 Prozent der Kinder und Jugendlichen einen Migrationshintergrund haben. Überfordert sei - wie die jährliche Zahl der geschiedenen Ehen von rd. 191.000 beweist - aber auch eine wachsende Zahl von Paaren.

Familien sehen sich in der Situation, beweisen zu müssen, dass sie funktionieren, gesellschaftlichen Anforderungen genügen, aber auch den Anforderungen, die sie an sich selbst richten, so der Psychologenverband. Letztere betreffen Bildung und Erziehung ihrer Kinder, den eigenen beruflichen Erfolg oder auch nur das eigene Überleben in Krisenzeiten. Hinzu kommen für viele Familien Belastungen durch die Pflege älterer Angehöriger. Immer mehr ältere Familienangehörigen werden durch immer weniger erwachsene Kinder gepflegt - zur Zeit 70% der Pflegebedürftigen in Deutschland; das sind 1.435 415. Wo sich früher drei Geschwister die Sorge um alternde Eltern teilten, lastet diese Aufgabe heute oft auf einer Person.

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist durch die Flexibilisierung der Arbeitswelt aus Sicht des BDP nur scheinbar leichter geworden. Flexibilität heißt in der Praxis oft: ständige Erreichbarkeit und Verfügbarkeit, Arbeit nicht am Wohnort, sondern weit entfernt von diesem, so dass Familienleben nicht mehr wie früher in einer definierten Freizeit nach Arbeitsschluss stattfindet oder dafür sogar nur noch das Wochenende zur Verfügung steht.

Während es in der Vergangenheit immer mal wieder vor allem bei kirchlichen Trägern Anregungen auf Vorbereitungskurse für die Elternschaft und die Gründung einer ehelichen Beziehung gab, kritisiert der BDP, gibt es heutzutage eine Fülle von Ratgeberliteratur und Ratgeber-Formaten im Fernsehen, die eher seltener zu gelenkten Dialogen und Gesprächen mit Gleichgesinnten im Sinne einer präventiven Zielsetzung führen. Eine Sendung wie die von RTL "Erwachsen auf Probe" sei ein absolut ungeeigneter Versuch, die Eignung für eine Elternschaft zu klären, zugleich aber ein Indiz für die verbreitete Hilflosigkeit.

28.200 Kinder und Jugendliche wurden 2007 von Jugendämtern in Obhut genommen, davon 44% wegen Überforderung der Eltern und weitere 24 % wegen Beziehungsproblemen. "So weit muss es nicht kommen. Statt mit dem Finger auf solche Familien zu zeigen, sie auszugrenzen, in die Isolation zu treiben, sollten Menschen ermuntert werden, Defizite einzugestehen und sich professionelle Hilfe zu holen," erklärt Brücher-Albers.

Wenn Familien scheitern, dann sei das zunächst eine private Tragödie. Die Folgen jedoch habe mittel- und langfristig die Gesellschaft zu tragen. Sie äußerten sich nicht selten in einer Kette von Misserfolgen - in der Bildung, im Beruf und in der nächsten Familiengeneration und stellten einen erheblichen Kostenfaktor dar. Umgekehrt erfasse kein Börsenbarometer, wie viel "Rendite" jede gerettete Ehe, jedes nicht vernachlässigte oder misshandelte Kind bringt, jedes Kind, das durch Bildung eines Tages beruflich auf eigenen Füßen stehen kann.

Der BDP fordert dazu auf, sich den veränderten Familienformen, ihrer gewachsenen Vielfalt in Forschung und Praxis zu stellen. Familienpsychologie friste ein stiefmütterliches Dasein an deutschen Universitäten. Die Praxis von Psychologen, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten sowie Paartherapeuten zeige deutlich, dass neue Formen des Zusammenlebens - z.B. in Patchwork- und Regenbogenfamilien - neue Probleme und Fragen aufwerfen, die es zu untersuchen und zu beantworten gilt.

"Wollen wir kapitulieren vor Scheidungsraten, Missbrauch, Misshandlung, oder wollen wir etwas tun? Wollen wir sinnlose Appelle an die ohnehin Überforderten richten oder in der Gesellschaft ein Umdenken fördern, das Menschen leichter und vor allem rechtzeitig Unsicherheit eingestehen lässt?" Der BDP will Letzteres und mit seinem diesjährigen Bericht den gesellschaftlichen Diskurs über den Umgang mit Familien und innerhalb von Familien anregen.

An dem Band haben Wissenschafter und Praktiker aus dem Bereich Familienpsychologie, u.a. der Ludwig-Maximilians-Universität München, der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg sowie der Universitäten Bamberg, Vechta und Witten/Herdecke, der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg sowie des Münchner Staatsinstituts für Frühpädagogik mitgearbeitet.

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