Insight Into: Rechtspsychologie
Am 29.04.2026 durften wir Fabian Schacht bei unserem neuesten Insight begrüßen. Fabian ist Psychologe mit Schwerpunkt Rechtspsychologie, der uns einen eindrucksvollen Einblick in die Welt hinter Gittern gegeben hat. Nach Stationen in der Justizbehörde sowie am Institute for Forensic Psychology and Forensic Medicine in Hamburg berichtete er an diesem Abend von dem Arbeitsalltag einer Justizvollzugsanstalt.
Zu Beginn machte Fabian deutlich, wie breit und interdisziplinär die Rechtspsychologie aufgestellt ist: Sie umfasst Teildisziplinen wie Aussagepsychologie, Kriminalpsychologie, Viktimologie und Polizeipsychologie und findet immer dann statt, wenn Recht auf Psychologie trifft. Für den Berufseinstieg, so betonte er, sei weniger ein perfektes Studium entscheidend als die frühzeitig gesammelte Praxiserfahrung. Fabian selbst ist über den be-in-Kongress auf die Rechtspsychologie aufmerksam geworden und hat dort auch erste wichtige Kontakte geknüpft. Praktische Erfahrung sammelte er zunächst in der familienpsychologischen Begutachtung, die Aktenanalysen, Explorationen, Persönlichkeitsdiagnostik und das Verfassen von Gutachten umfasst.
Kernthema des Abends war der psychologische Dienst im Justizvollzug. Fabian arbeitet heute in der JVA Bochum mit männlichen erwachsenen Straftätern. Die psychische Belastung dieser Population ist enorm: Persönlichkeitsstörungen sind bei rund zwei Dritteln der Inhaftierten feststellbar, antisozialer Ausprägung bei knapp der Hälfte (Fazel & Danesh, 2002). Der Aufgabenbereich des psychologischen Dienstes ist dabei vielschichtig und reicht von Diagnostik und Prognose über Einzel- und Gruppenangebote bis hin zur Beratung anderer Bediensteter und der Anstaltsleitung.
Im Fokus der Kriminaltherapie steht die Rückfallprävention und Resozialisierung: Protektive Faktoren sollen (re-) aktiviert und kriminogene Faktoren abgemildert werden. Dabei kommen psychotherapeutische Methoden wie Verhaltenstherapie und Schematherapie ebenso zum Einsatz wie deliktspezifische Gruppenprogramme für Gewalt- und Sexualstraftäter. Dabei dreht sich alles um die Frage: Wie wahrscheinlich ist erneute Straffälligkeit und was müsste sich verändern, damit sie unwahrscheinlicher wird?
Fabian sprach auch offen über die Herausforderungen dieses Arbeitsfeldes. Dazu zählen etwa die Auseinandersetzung mit schweren Delikten, die Therapie im Zwangskontext, das Spannungsfeld zwischen Sicherheitsinteressen und den individuellen Behandlungszielen sowie die Realität, in einer sogenannten „totalen Institution“ zu arbeiten. Besonders eindringlich war hier sein Hinweis, dass man die Menschen dort nicht „rettet“ – psychologische Behandlung ist nur einer von vielen Faktoren auf dem Weg zu einem Leben ohne Straffälligkeit. Umso wichtiger sei es, jeden kleinen Fortschritt wertzuschätzen und professionelle Distanz zu wahren.
Gleichzeitig hat der Abend deutlich gemacht, was diesen Arbeitsbereich auch so reizvoll macht. Es handelt sich um ein abwechslungsreiches, interdisziplinäres Tätigkeitsfeld mit guten internen Weiterbildungsmöglichkeiten, Supervision und Intervision sowie vielfältigen Karriereperspektiven – bis zur Leitungsebene oder einer zeitweisen Tätigkeit im Justizministerium, auch vor dem Hintergrund der Verbeamtung.
Für alle, die selbst in die Rechtspsychologie hineinschnuppern möchten, hatte Fabian abschließend einige Empfehlungen. Man sollte früh Praxiserfahrung sammeln, diagnostisches Schreiben trainieren, Berührungsängste aktiv abbauen – und auf Initiativbewerbungen sowie Netzwerke setzen, denn viele Stellen in diesem Bereich werden nicht öffentlich ausgeschrieben.
Ein herzliches Dankeschön an Fabian Schacht für die authentischen und praxisnahen Einblicke in dieses spannende Arbeitsfeld. Wir danken außerdem allen Teilnehmenden für ihr Interesse und die vielen Fragen in der anschließenden Diskussionsrunde.