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Corona und die Bewältigung der Folgen in den Schulen

   16.09.2021

Schulpsychologinnen und Schulpsychologen diskutieren auf dem 24. Bundeskongress für Schulpsychologie vom 20. bis 24. September 2021.

Die Pandemie verstärkt in hohem Maß Phänomene und Tendenzen, die uns seitlangem im schulischen Kontext begegnen. Schulpsychologinnen und Schulpsychologen erfahren dies in ihrer täglichen Arbeit mit Lehrkräften, Eltern und Schülerinnen und Schülern.

Das zurückliegende Schuljahr hat gezeigt:

  • Eine Zunahme emotionaler und psychischer Belastungen bei Schülerinnen und Schülern und ihren Familien.
  • Eine Verstärkung bereits bestehender Ungleichheiten von Bildungschancen und sozialer Teilhabe.
  • Eine Zunahme der Belastungen von Lehrkräften durch den Wechsel von Präsenz und Fernunterricht, unzureichende technische Ausstattungen, Ungewissheit und eigene Gesundheitsrisiken.

Grundbedürfnisse von Kindern und Jugendlichen nach Kontakten zu Gleichaltrigen sowie individueller Unterstützung beim Lernen wurden wiederholt durch Schulschließungen massiv eingeschränkt. Für Kinder und Jugendliche sind soziale Kontakte zu Mitschülern und Lehrkräften besonders wichtig.

Aktuelle Studien und Befragungen haben ergeben, dass sich die tägliche Lernzeit der Schülerinnen und Schüler durch die Schulschließungen halbiert hat, von 7 auf 3 Stunden. Stattdessen hat sich die Beschäftigung mit Computerspielen, Fernsehen und Smartphones auf durchschnittlich 5 Stunden täglich erhöht. Die Schülerinnen und Schüler zeigen zunehmende Auffälligkeiten, wie Schulabsentismus, Verhaltensprobleme, psychosomatische und depressive Symptome, Ängste, Abhängigkeit von elektronischen Medien bis hin zu behandlungsbedürftigen psychischen Störungen. Besonders trifft es diejenigen Schülerinnen und Schüler, die bereits vor der Pandemie belastet waren und deren Schulerfolg oder psychische Stabilität gefährdet war. Lernrückstände vergrößern sich und können mit den vorhandenen Ressourcen kaum aufgearbeitet werden.

Social distancing in Form des Abstandhaltens wurde – und das war gerade so paradox – als sozialste Form des Miteinanders begriffen, um Infektionen zu minimieren. Schulen konnten hierdurch ihrem Bildungs- und Erziehungsauftrag im Distanzunterricht nur eingeschränkt nachkommen. Schule als Sozial- und Lernraum war nicht mehr so verfügbar wie gewohnt. Lang geglaubte Gewissheiten wurden in Frage gestellt, neue Handlungsroutinen mussten erst gemeinsam entwickelt und erprobt werden. Gefühle von Unsicherheit und Ungewissheit und ein Umgang mit diesen stellen für eine Gesamtgesellschaft eine immense Herausforderung dar.

Mit Beginn des neuen Schuljahres sind diese Folgen nicht verschwunden. Es ist jetzt an der Zeit sich langfristige und nachhaltige Gedanken zur Bewältigung der komplexen psychosozialen Folgen der Corona-Krise zu machen. Wir als Gesellschaft sollten neben allen sinnvollen Maßnahmen für den Infektionsschutz zur Vermeidung der Ansteckung mit dem Virus auch einen nachhaltigen Maßnahmenplan für die psychische Gesundheit von Schülerinnen und Schülern sowie ihren Eltern, von Lehrkräften und nichtlehrendem Personal erarbeiten. Dieser Plan muss die psychologischen Grundbedürfnisse und Ressourcen der Menschen im Blick haben und es bei problematischen Entwicklungen ermöglichen schnell zu intervenieren. Prävention und Intervention müssen Hand in Hand gedacht werden. Gerade präventive Maßnahmen, die die Krisenfestigkeit des Systems Schule stärken, verhindern im Idealfall manch schwere zukünftige krisenhafte Entwicklung.

Mehr Psychologie in die Schulen! Jetzt!

Schulpsychologinnen und Schulpsychologen unterstützen die schulische Entwicklung von Kindern und Jugendlichen und können einen wesentlichen Beitrag bei der Bewältigung der vielfältigen und tiefgreifenden Folgen der Pandemie leisten. Schulpsychologische Arbeit setzt dabei an folgenden Schwerpunkten an:

  1. Individuelle psychologische Beratung und Unterstützung besonders betroffener Schülerinnen und Schüler und ihrer Eltern.
  2. Psychologische Beratung und Unterstützung der Lehrkräfte und des pädagogischen Fachpersonals: Welche Gruppen von Schülerinnen und Schülern brauchen welche Unterstützung? Was brauchen bestimmte Risikogruppen?
  3. Beratung zu pädagogisch-psychologischen (Präventions)Maßnahmen im Umgang mit Motivationsverlust, Schulabsentismus, Ängsten und Sorgen bei Schülerinnen und Schülern
  4. Beratung zu den Auswirkungen und für den Umgang mit psychischen Erkrankungen von Schülerinnen und Schülern.
  5. Beratung und Unterstützung von Lehrkräften (Supervision, Coaching, Fortbildung), besonders vor dem Hintergrund der z.T. belastenden Pandemie-Erfahrungen.
  6. Fachliche Begleitung bei Schulentwicklungsprozessen (z. B. Bewältigung der Pandemieerfahrungen der Schule, Beziehungsgestaltung und Digitalisierung), insbesondere auch im Sinne von Resilienz.

Hier ist eine rechtzeitige Investition in Zeit, Personal und Konzepte dringend geboten.

Die Schulpsychologie greift auf jahrelang erarbeitete und bewährte Konzepte der Unterstützung und Stärkung von Schülerinnen und Schülern, Eltern und Lehrkräften zurück und passt sie den aktuellen Notwendigkeiten an.

Die Versorgung mit Schulpsychologinnen und Schulpsychologen ist von Bundesland zu Bundesland sehr unterschiedlich. Während 2020 in Bayern eine Vollzeitstelle für 3.730 Schülerinnen und Schüler zuständig ist, sind es in Niedersachsen 13.018, in Sachsen-Anhalt 10.460 und in Brandenburg 9.376 Schülerinnen und Schüler (Vgl. www.bdp-schulpsychologie.de). Hier besteht dringender Regulierungsbedarf durch die Kultusministerkonferenz. Schülerinnen und Schüler, Eltern und Lehrkräfte sollten ein Anrecht auf einen gleichwertigen Zugang zu schulpsychologischer Beratung und Unterstützung in den verschiedenen Bundesländern haben. Das wird in der Pandemie nochmals viel deutlicher.

Darüber hinaus sollten die Schulpsychologischen Beratungsstellen mit ausreichenden Ressourcen ausgestattet sein. Hierzu gehören geeignete Räumlichkeiten, die eine flexible Terminvergabe und vertrauliche Gespräche ermöglichen. In Pandemiezeiten kommt dabei einer ausreichenden Größe, Belüftungsmöglichkeiten und eine Ausstattung mit Hygieneschutz eine besondere Bedeutung zu. Digitale Beratung ist grundsätzlich möglich und sollte zur Aufrechterhaltung des Beratungsprozesses auch unter Kontaktbeschränkungen genutzt werden. Hierfür ist jedoch eine entsprechende IT-Infrastruktur unter Einhaltung der Bestimmungen zu Datenschutz und Schweigepflicht erforderlich. Diese Infrastruktur ist in vielen Bundesländern und Kommunen nicht ausreichend vorhanden. Ein Ausbau ist dringend erforderlich.

24. Bundeskongress für Schulpsychologie vom 20.09.–24.09.2021

Im kommenden Jahr werden 100 Jahre Schulpsychologie in Deutschland gefeiert werden und der 24. Bundeskongress gibt den Startschuss für das Jubiläumsjahr 2022. Seit ihren Anfängen hat sich die Schulpsychologie durch konstruktive Lösungen zu vielfältigsten historischen und gesellschaftlichen Herausforderungen hervorgetan. Corona ist eine solche hochaktuelle historische Herausforderung für alle Menschen in und um Schule, auch für die schulpsychologische Profession selbst. Grund genug, sich auf dem Jubiläums-Kongress den genannten komplexen Fragen rund um Corona zu widmen und sich der Forderung der gleich lautenden Initiative der Föderation deutscher Psychologenverbände und dem Verband der Psychologielehrerinnen und -lehrer anzuschließen und den Kongress mit „Mehr Psychologie in die Schulen!“ zu überschreiben.

Weitere Informationen, Details und Anmeldung zum Kongress unter https://www.bdp-schulpsychologie.de/aktuell/buko/2021/