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Stellungnahme zum Dokumentarfilm „Elternschule“

21.11.2018

Stellungnahme des Berufsverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen e.V. (BDP) sowie des Verbandes Psychologischer Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten (VPP im BDP) zum Dokumentarfilm „Elternschule“

Im Dokumentarfilm „Elternschule“ wird der Arbeitsalltag in der Abteilung für pädiatrische Psychosomatik der Kinder- und Jugendklinik in Gelsenkirchen dargestellt. Dort werden Babys und Kinder mit psychischen und psychosomatischen Störungen, insbesondere mit Regulationsstörungen, Asthma und Neurodermitis, zusammen mit ihrer Hauptbezugsperson und ggf. Geschwistern stationär aufgenommen.

 

Im Film wird vorrangig die psychotherapeutische Behandlung, sowie die Anamnese und Nachbehandlung dargestellt. Es lässt sich vermuten, dass im Vorfeld eine ausführliche Diagnostik durchgeführt wurde, was im Film allerdings nicht dargestellt wird. Die psychotherapeutische Behandlung basiert augenscheinlich auf einem verhaltenstherapeutischen Konzept, welches auf der Grundlage von wissenschaftlich fundierten Erkenntnissen und jahrelanger Erfahrung durch das Behandlerteam umgesetzt wird. Es handelt sich nicht um „Erziehungstipps für jedermann“ oder ein pädagogisches Konzept, welches für Schulen, Kindergärten o.ä. Anwendung finden würde.

 

Der Titel „Elternschule“ ist insoweit also etwas irreführend. Im Gegenteil, Eltern und Kind werden für bestimmte Therapiesequenzen sogar voneinander getrennt. Der Grund hierfür ist die Durchbrechung eines Teufelskreises, einer Wechselwirkung zwischen Eltern und Kind, die immer wieder zur Eskalation führt. Während die Eltern in Seminaren den theoretischen Hintergrund erläutert bekommen (die sog. Psychoedukation) und in Elterngesprächen den aktuellen Stand, ihre Sorgen und Ängste sowie die nächsten Schritte erörtern, wird mit den Kindern parallel gearbeitet. Sie werden von unaufgeregten, geschulten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Klinik-Teams dabei begleitet, durch Erfahrung zu lernen, dass das „Störverhalten“ nicht mehr die gewünschte Wirkung entfaltet. Durch den Wegfall der Verstärkung des Störverhaltens wird dieses gelöscht und das Kind kann neue Verhaltensmuster entwickeln. Diese können im Einzelfall „hart“ wirken, aber dem betroffenen Kind wird die Möglichkeit geben, neue Erfahrungen zu machen und sich weiterzuentwickeln. Die Kinder im Film lernen Schritt für Schritt, sich stressfrei von einem Elternteil zu lösen, eigenständig und zu festen Zeiten Mahlzeiten zu essen und nachts im eigenen Bettchen zu schlafen.

 

Der Film geht ans Herz. Es werden Kinder gezeigt, die weinen, schreien oder hilflos wirken, um den an sie gestellten Anforderungen nicht nachkommen zu müssen. Dabei sind diese Anforderungen für das Leben der Kinder notwendig, beispielsweise die regelmäßige Nahrungsaufnahme. Das Team der Klinik in Gelsenkirchen geht sehr wertschätzend mit den Familien um und versucht, keine Schuldzuweisungen auszusprechen.

 

Es wird stets darauf geachtet, dass keine akuten Notsituationen entstehen. Des Weiteren wird auf unnötige Überforderung verzichtet; ganz im Gegenteil, dem Kind wird die Möglichkeit zur Stressregulation überhaupt erst gegeben.

 

Kritisieren kann man an dieser Stelle, dass mehrfach Szenen eingeblendet werden, die für den Laien nicht einzuordnen sind. Dies ist jedoch eine Kritik an der Machart des Filmes und nicht an den Kolleginnen und Kollegen, die in der Gelsenkirchener Kinder- und Jugendklinik fachlich fundierte Arbeit leisten.

 

Die Reaktionen zum Film zeigen allerdings, dass es ein hohes Informationsbedürfnis über die Faktoren guter Erziehung und mögliche schwierige Konstellationen und Altersphasen gibt. Insofern bietet die Diskussion über den Film auch Anlass darüber nachzudenken, wie Eltern und Familien besser in ihren Erziehungsaufgaben unterstützt und auf schwierige Situationen vorbereitet werden können.

 

Im Bericht des BDP „Familien in Deutschland“ sind derartige Vorschläge enthalten.