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Stellungnahme: Mehr Psychologie in die Schulen

   30.11.2018

Föderation deutscher Psychologenverbände
Verband der Psychologielehrerinnen und –Lehrer

Die Psychologie ist die Wissenschaft vom Erleben und Verhalten des Menschen. Sie betrachtet darüber hinaus soziale Systeme. Gewalt, auch sexuelle Gewalt und Mobbing unter Schülerinnen und Schülern, depressive oder hyperaktive Kinder führen immer häufiger dazu, dass sich Lehrkräfte überfordert fühlen oder Hilferufe senden. Hinzu kommen Migration, Inklusion und Digitalisierung als zusätzliche Herausforderungen an Schulen. Schulpsychologinnen und Schulpsychologen sind bereits heute aus den Schulen nicht mehr wegzudenken. Wir sind der festen Überzeugung, dass die Psychologie und insbesondere Schulpsychologinnen und Schulpsychologen, aber auch Psychologielehrkräfte einen noch größeren Beitrag zur weiteren Professionalisierung im Umgang mit den genannten Problemen leisten können und bieten als Fachverbände hierzu unsere Unterstützung an.

Schulpsychologie

Schulpsychologie ist der psychologische Fachdienst für Schulen und wird von allen Bundesländern in Deutschland vorgehalten. Schulpsychologinnen und Schulpsychologen (SP) sind in unterschiedlicher Weise in den Ländern am Schulsystem angebunden und in der Regel für eine Anzahl von Schulen zuständig. Sie unterstützen und beraten alle am Schulleben Beteiligte, wie Schülerinnen und Schüler (S+S) und deren Eltern, Lehrkräfte, Funktionsträgerinnen und –träger sowie pädagogisches Personal, Schulleitungen und Schulaufsicht und Gremien in Schulen. Schulpsychologie unterstützt im Rahmen der Einzelfallberatung bei Lern‐, Entwicklungs‐, und Verhaltensproblemen von S+S, insbesondere bei: ‐der Förderung individueller Begabungen ‐der Beratung im Kontext der inklusiven Schule ‐der Entwicklung von Fördermaßnahmen ‐der Stärkung der Selbstwirksamkeit, der sozialen und interkulturellen Kompetenzen ‐Methodenkompetenz von Lehrenden Schulpsychologie unterstützt Schulen im Rahmen der Systemberatung bei ‐der Schul‐, und Qualitätsentwicklung ‐der Entwicklung der inklusiven Schule ‐der Entwicklung von Maßnahmen zum sozialen Miteinander, Gewaltprävention, schulinterner Krisen‐ und Notfallteams Zu den weiteren Aufgaben von SP zählen:

  • Psychologische Beratung von Eltern, Familien, Lehrkräften, S+S bei schulbezogenen und angrenzenden Fragestellungen
  • Psychologische Diagnostik
  • Fortbildungen für Lehrkräfte, Schulleitungen und Funktionsträgerinnen und –trägern
  • Supervision für Lehrkräfte, Schulleitungen und Funktionsträgerinnen und –trägern Weiterbildung von Beratungslehrkräften
  • Kriseninterventionen und psychologische Notfallhilfe
  • Diagnostik und Bearbeitung gruppendynamischer Prozesse
  • Moderation, Intervention sowie Mediation bei Konflikten
  • Entwicklung von Förderplänen und Schullaufbahnberatung
  • Durchführung von Fördermaßnahmen
  • Maßnahmen zum Erhalt der Gesundheit von Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern

Für die Einstellung als Schulpsychologin /Schulpsychologe ist ein Diplom‐ oder Masterabschluss in Psychologie Voraussetzung. Viele Schulpsychologinnen und Schulpsychologen verfügen über zusätzliche Qualifikationen wie z.B. Supervisionsausbildung, Mediationsausbildung, Approbation als psychologischer Psychotherapeut, Notfallpsychologe etc. Laut der letzten Erhebung der Sektion Schulpsychologie im BDP gibt es ca. 1500 Schulpsychologinnen und Schulpsychologen (SP) in Deutschland. Obwohl die deutschen Bundesländer stetig das Verhältnis von Schülerinnen und Schüler pro Schulpsychologenstelle verbessern, ist das Verhältnis im internationalen Vergleich immer noch ungünstig und variiert stark zwischen den Bundesländern (siehe auch Welt Deutschland: 8900 S+S pro SP, USA: 1000 S+S pro SP; Dänemark: 800 S+S pro SP).

Psychologieunterricht an allgemeinbildenden Schulen

Psychologie als Unterrichtsfach an allgemeinbildenden und weiterführenden Schulen, zumindest als Wahlmöglichkeit, gibt es in fast allen europäischen Ländern. In Deutschland ist dies nicht in allen Bundesländern möglich.
Psychologieunterricht fördert den (auch selbstreflexiven) Zugang u. a. zu Themen des Lernens, der Motivation, des Sozialverhaltens, der Selbstregulation, damit auch zu potentiell problematischem Verhalten wie Aggression, Mobbing, (Cyber‐)Bullying. Psychologische Kenntnisse unterstützen im System Familie die Erziehung und das Miteinander.
Psychologie ist die thematische Klammer für zahlreiche Initiativen, Projekte oder Maßnahmen beispielsweise zum Gesundheitsverhalten, zur Selbsterfahrung, zum Sozialverhalten, die es heute bereits an vielen Schulen gibt. Wenn diese Maßnahmen nicht thematisch in Zusammenhang gebracht werden, im Unterricht nicht regelmäßig wiederaufgenommen werden oder es im Kollegium keine klare fachliche Zuständigkeit gibt, geht ein Teil ihrer Wirkung schnell verloren. An Schulen, die Psychologieunterricht geben, können Psychologielehrkräfte nachhaltig die Wirksamkeit solcher Maßnahmen erhöhen.

Unsere Vorschläge

Wir schlagen vor, SP mit Masterabschluss in ausreichendem Maße zu etablieren, so dass sie an jeder Schule interdisziplinäre Teams leiten können, beispielsweise aus Psychologielehrkräften, anderen Fachlehrerinnen und ‐lehrern und Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen, um gezielt schulspezifische Maßnahmen zu planen. Es können somit hilfreiche Interventionen initiiert werden, und z.B. in Gesprächsrunden begleitet werden. Durch Kooperationen können Netzwerke auch mit Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten geschaffen werden, um für Kinder und Jugendliche schnelle Hilfe zu organisieren. SP können durch Fortbildung und Supervision professionelle Hilfe anbahnen und installieren. Im Unterricht stehen Freiräume zur Verfügung, um unter Anleitung von SP und/oder Psychologielehrkräften Probleme im Klassenverbund zu besprechen und zu diskutieren. Wir schlagen weiterhin vor, Psychologie als Unterrichtsfach, zumindest als Wahlmöglichkeit, an allen allgemeinbildenden und weiterführenden Schulen zu ermöglichen (besser noch als Schulfach bis zum Abitur). Diese Forderung steht im Einklang mit der Strategie der European Federation of Psychologists‘ Association und beruht somit auf einem Konsens von 37 europäischen Psychologenverbänden. Viele psychologische Inhalte werden zudem über andere Fächer vermittelt. Auch hier wünschen sich Schulen besondere Fachkenntnisse, da sie sich zunehmend mit psychologischen (und auch belastenden Themen, wie z.B. traumatisierte S+S, sexuelle Grenzverletzungen und psychischen Erkrankungen von S+S konfrontiert sehen. Eine konzeptionelle Einbindung von SP in interdisziplinäre Teams, aber auch entsprechende Fortbildungsinhalten können eine hilfreiche Unterstützung für moderne, inklusive Schulen und somit eine wichtige Berufsgruppe zur Gestaltung von Schulen sein, insbesondere sind hierfür die strukturellen Voraussetzungen zu schaffen. Wir als Fachverbände helfen gerne bei der Umsetzung oder Beratung und stehen gerne für weitere Kooperationen zur Verfügung.

 

Zur Stellungnahme (PDF)