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Landespsychologentag 2020

   07.11.2020

Im Kreis der saarländischen Psychologen ist es eine gewisse Tradition, sich mit der Frage nach dem Sinn des Lebens zu beschäftigen. Prof. Ernst E. Boesch, der im Jahr 1951 das psychologische Institut der Universität des Saarlandes gründete, befasst sich mit seinem Buch: „Sehnsucht. Von der Suche nach Glück und Sinn“ mit der Betrachtung menschlicher Sehnsüchte, weil er ihre Kenntnis als eine wichtige Bedingung für Lebensweisheit und Sinnfindung ansieht.

Am 7. November 2020 fand der Landespsychologentag des Saarlandes mit dem Thema „Psychologie des Lebenssinns“ statt.

In seinem Impulsvortrag betont Nico Janzen: „Sinn ist nicht Wohlfühlen. Sinn ist nicht gleichbedeutend mit Glück.“ Er zitiert Tatjana Schnell mit ihrer Definition von Sinnerfüllung: „Grundlegendes Vertrauen in die Sinnhaftigkeit des Lebens. Sie basiert auf einer Bewertung des eigenen Lebens als kohärent, bedeutsam, zielgerichtet und zugehörig.“ Im Gegensatz zur Sinnerfüllung werden Sinnkrisen bewusst erlebt, und zwar als äußerst leidvoll. Janzen führt aus, dass wir als Psycholog*innen einen positiven Beitrag zur Bewältigung von Sinnkrisen leisten können, wenn wir uns in Therapie, Beratung und Coaching gerade an diesen vier Bewertungskriterien orientieren und unsere Interventionen den Klient*innen diesbezüglich Reflektionshilfen bieten.

 

Rainer Wagner bietet in seinem Referat zum Sinn des Lebens einen philosophischen, religiösen und psychologischen Rahmen und rekurriert auf vier mögliche Sichtweisen des Lebenssinns, wie sie auch von Chmielewski und Hanning verwendet werden:

1. Das Leben hat keinen kosmischen Sinn. Am Ende stehen Bedeutungslosigkeit und Auslöschung.

2. Das Leben hat keinen kosmischen Sinn – aber Menschen können sich ihren eigenen Sinn kreieren; dazu braucht es Verantwortung und Mut.

3. Leben hat vielleicht oder wahrscheinlich einen kosmischen Sinn – durch ehrliche und intensive Suche können wir diese Wahrheit entdecken. Sie wird nicht geschaffen, sondern ist da.

4. Das Leben hat einen kosmischen Sinn, aber Menschen sind nicht fähig, diese Komplexität zu begreifen. Durch Religionen können sich Menschen mit diesem Sinn verbinden – aber ihn nie völlig verstehen.

 

Zu der Frage „Wie kommt der Sinn in die Arbeit? Die tragende Rolle der Führungskraft“ berichtet Prof. Nico Rose aus seiner Forschungs- und Beratungstätigkeit. Er zitiert Viktor Frankl mit der Forderung: „Wer Menschen motivieren will und Leistung fordert, muss Sinnmöglichkeiten bieten.“ Arbeit wird als sinnvoll erlebt, wenn das Tun als wirksam und als ein Beitrag zum großen Ganzen erlebt wird und wenn das Sein durch Selbstwerdung und Zugehörigkeit bestimmt ist. In dieser „Sinn-Matrix“ (Rosso, Dekas & Wresniewski) finden sich Ähnlichkeiten zu den oben ausgeführten Bewertungskriterien. Was bedeutet das für die Führungsarbeit? Rose empfiehlt den Führungskräften als Reflektionshilfe und zur Standortbestimmung der eigenen Führungspraxis das KAARMA-Modell von Michael Steger: Klarheit, Authentizität, Aktualisierung, Respekt, Mehrwert und Autonomie sind hier die relevanten Führungsqualitäten, die Arbeit als sinnvoll erleben lassen. Sie kennzeichnen ein motivierendes Arbeitsumfeld und sorgen dafür, dass ein beruflicher Wechsel die Ausnahme bleibt. Für eine rege Diskussion sorgte schließlich seine Frage: „Auf wie viel Einkommen würden Sie verzichten, wenn Sie eine bedeutungsvollere Arbeit leisten könnten?“ – Eine als bedeutend und sinnvoll erlebte Arbeit ist – so der Tenor in der Diskussion – eine deutlich härtere Währung als der eine oder andere Euro mehr auf dem Konto.

 

In der anschließenden Mitgliederversammlung standen Neuwahlen an, nachdem der bisherige Vorsitzende, Carsten Kohl, und sein Stellvertreter, Nico Janzen, künftig nicht mehr für eine Vorstandsfunktion zur Verfügung stehen. Zum neuen Vorsitzenden wurde Christian Lorenz gewählt, Cassier bleibt Andreas Hemsing. Als Beisitzende sind Dr. Ulrike Becker-Beck, Elisabeth Meissner und Rainer Wagner weiters aktiv. Christian Lorenz dankte für seine Wahl und dem bisherigen Vorstand für dessen Arbeit und die Vorbereitung und Durchführung des Landespsychologentags. Das neue, virtuelle Format wurde von allen Teilnehmenden als zeiteffektiv, thematisch dicht und sinnbringend erlebt. Für das nächste Jahr plant der Vorstand, mit ähnlichen virtuellen Formaten allen saarländischen Mitgliedern Zugang zu mehr kollegialem Austausch zu ermöglichen und interessante Impulse für die eigene – sinnvolle – Arbeit bereit zu stellen.

Vortrag von Nico Janzen

Vortrag von Rainer Wagner

Vortrag von Prof. Nico Rose

 

Literatur und Links:

Tatjana Schnell. Psychologie des Lebenssinns.

Sven Hanning und Fabian Chmielewski. www.selbstwerttherapie.de

Rainer Wagner. www.rhw-wagner.de/was-macht-den-sinn/

Nico Rose. www.nicorose.de


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