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Was macht der Krieg mit den Menschen? Traumata und ihre Folgen

   17.06.2022

 

Du bist im Wald. Ein Bär kommt auf dich zu. Was machst du? Wie sich die meisten von uns wahrscheinlich noch aus der Allgemeinen Psychologie erinnern, reagiert der Körper schnell. Soll man kämpfen? Flüchten? Man Erstarrt. Die Angst steigt an, umso näher der Bär kommt und am Ende wird dir schwarz vor Augen…

Mit diesem Beispiel startete Frau Dr. Inga Schalinski ihren Vortrag zum Thema “Traumata und ihre Folgen”, welcher Teil der diesjährigen Vortragsreihe „Psychologie und Gesellschaft - Krieg und Flucht-“ ist. Diese Vortragsreihe wird von der Psychologischen Hochschule Berlin, in Kooperation mit dem BDP, durchgeführt.

Freeze, fight, flight, fright, flag, faint - Die Verteidigungskaskade kann in vielen Situationen beobachtet werden. So kann es der Bär sein, vor dem wir uns erschrecken, aber auch der Angreifer, der mit gezogener Waffe vor dir steht, denn es herrscht Krieg.

Krieg ist ein Ausnahmezustand für Menschen. Eine enorme Menge an Stressoren und traumatischen Erlebnissen wirken auf diese Menschen ein. Menschen in solch einem Ausnahmezustand haben ein stark erhöhtes Risiko, an einer Traumafolgestörung zu erkranken. Die Lebenszeitprävalenz eine Traumafolgestörung zu entwickeln liegt bei Geflüchteten bei 31 %, variierend zwischen 4 und 63 % (Blackmore et al., 2020). Das ist 3-6-fach so hoch, wie in der Allgemeinbevölkerung. Aber woran liegt das?

Der „Building Block Effekt“ (übersetzt Baukasten Effekt) stellt eine mögliche Erklärung für dieses Phänomen dar. Stell dir die traumatischen Erlebnisse als einzelne Bauklötze vor. Einzelne Bauklötze (= wenige Traumata) liegen herum, können aber keinen stabilen Turm bauen. Kommt es jedoch, wie in Kriegs- bzw. Fluchtsituationen, zur Häufung traumatischer Einsätze, häufen sich die Klötze und der Turm wird größer und stabiler. Und mit der Höhe des Turms steigt linear auch die Wahrscheinlichkeit, an einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) zu erkranken. So zeigten Neuner et al. (2004), dass bei Personen, die mehr als 28 traumatische Erfahrungen gemacht haben, das Risiko einer PTBS Erkrankung bei 100 % lag. Schaut man sich die Stressoren, denen geflüchtete Menschen ausgesetzt sind, an, ist die Liste lang. Nicht nur in den Kriegsgebieten selbst, sondern auch nach der Flucht sind die Menschen einer Vielzahl an sogenannten Postmigrationsstressoren ausgesetzt. Bei diesen Stressoren muss es sich nicht unbedingt um traumatische Erfahrungen handeln, sondern können es auch Faktoren, wie Stress durch Asylanträge, finanzielle Unsicherheiten und/oder das Zusammenleben mit vielen Menschen in Flüchtlingsunterkünften sein, die eine zusätzliche Belastung darstellen. Diese Stressoren verstärken die psychischen Beschwerden der PTBS. Je höher die Anzahl an Potstmigrationsstressoren, desto schlechter geht es den Geflüchteten und desto wahrscheinlicher ist, einen schweren PTBS Verlauf zu entwickeln (Hynie, 2018).

 

Was können wir nun mit diesem Wissen tun und wie können wir helfen?

Hierbei möchte ich besonders zwei Punkte nennen:

  1. Postmigrationsstressoren verringern: wir alle sind Studierende der Psychologie. Das bedeutet, wir bringen ein weites Wissen mit und viel wichtiger: ein Interesse am Menschen! Böge et al. (2020) zeigte, dass soziale Unterstützung im Aufnahmeland die Symptome der Geflüchteten deutlich reduzieren kann. An diesem Punkt können wir unterstützen und helfen. Also schau, wo es Hilfe braucht!
     
  2. An die richtigen Stellen verweisen: es gibt mittlerweile einige Anlaufstellen, wo Therapeuten spezifische psychologische Beratung für Geflüchtete anbieten. Auch die PHB hat mittlerweile eine eigene Stelle eingerichtet, wo sich Geflüchtete hinwenden können. Falls ihr in eurem Umkreis keine Stelle kennt, die eine psychologische Unterstützung für Geflüchtete anbieten, empfiehlt Fr. Dr. Schalinski sich an den Senat des jeweiligen Bundeslandes zu wenden.

Weitere Informationen zu der Vortragsreihe der PHB, sowie der Forschung von Frau Dr. Inga Schalinski findet ihr auf der Website der PHB.

Dieser Beitrag wurde erstellt von Hannah Hoffmann 

 

 

 

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Literaturquellen: 

Blackmore, R., Boyle, J., A., Fazel, M., Ranasinha, S., Gray, K.,M., Fitzgerald, G., et al. (2020) The prevalence of mental illness in refugees and asylum seekers: A systematic review and meta-analysis. PLoS Med 17(9): e1003337.

Böge, K., Karnouk, C., Hahn, E., Demir, Z., & Bajbouj, M. (2020). On perceived stress and social support: Depressive, anxiety and trauma-related symptoms in Arabic-speaking refugees in Jordan and Germany. Frontiers in Public Health, 8, 239

Hynie, M. (2018). The social determinants of refugee mental health in the post-migration context: A critical review. The Canadian Journal of Psychiatry63(5), 297-303.

Neuner, F., Catani, C., & Schauer, M. (2021). Narramve Exposimonstherapie (NET). Reihe: Fortschrile der Psychotherapie - Band 83, Hogrefe Verlag: Göqngen.

 

Foto: Frau Dr. Inga Schalinski