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Selbstkontrolle-Prädikator für Schul- und Lebenserfolg?

   22.07.2021

Jeder von uns kennt es: eigentlich wollten wir nach der Arbeit ins Fitnessstudio, doch die Couch lacht uns an. Eigentlich wollten wir dieses Mal eisern sein und unsere Jahresvorsätze mal vernünftig durchziehen, aber der Kuchen sieht so lecker aus. Eigentlich wollten wir ab diesem Monat mal mehr sparen, aber irgendwie fielen doch so viele Anschaffungen an. Fast täglich begegnen wir der Herausforderung, uns selbst zu kontrollieren und uns heute zurückzuhalten, um langfristig ein Ziel zu erreichen. Wie wir uns in Bezug auf Selbstkontrolle im Erwachsenenalter verhalten, bahnt sich bereits im Kindesalter an – dies stellte Walter Mischel in seinem berühmten Marshmallow-Experiment und anschließenden Studien fest.

 

Was ist Selbstkontrolle und wie testete Mischel sie?

Die Fähigkeit der Selbstkontrolle umfasst die Fähigkeit des Individuums, seine Gedanken, Emotionen und Verhaltensweisen umzuwandeln und zwar so, dass kurzfristige Aufopferungen langfristige Zielerreichung ermöglichen (Alquist/ Baumeister, 2012). Darunter fällt auch der Belohnungsaufschub, den Mischel mit seinen Experimenten in den 60er Jahren erforschte (Mischel, 2015). 550 Kinder im Alter von 2 bis 5 Jahren nahmen folgende Herausforderung zumindest an: Entweder eine Süßigkeit der Wahl sofort essen oder eine gewisse Zeit abwarten, um dann die doppelte Menge essen zu dürfen.

 

Welche Strategien haben die Kinder angewandt?

Wie schafften es die Kinder, der Versuchung zu widerstehen? Sie setzten unterschiedliche Taktiken ein: den Blick ablenken, sich selbst mit Sprache ermahnen, die Süßigkeit aus der Reichweite entfernen oder alternative Beschäftigungen, wie z.B. dem Singen, nachgehen (ebenda). Dem ein oder anderen mögen diese Techniken von sich selbst bekannt vorkommen.

 

Welche Entwicklungen zeigten sich im späteren Leben?

Zunächst wollte Mischel nur das Phänomen der Willensstärke besser verstehen, jedoch entdeckte er später durch Zufall Zusammenhänge zwischen der Fähigkeit des Belohnungsaufschubes und späteren Lebensverläufen. Kinder, die länger auf Ihre Belohnung warteten, waren als Jugendliche intelligenter, selbstbewusster und zuversichtlicher. Sie waren in einem höheren Maße fähig, rational zu denken und schnitten besser bei Studierfähigkeitstests ab. Im Alter von 25 bis 30 mieden diese Probanden besser gefährliche Drogen, erreichten ein höheres Bildungsniveau und konnten einen niedrigeren Body-Mass-Index aufweisen (ebenda).

 

Welche Konsequenzen haben die Ergebnisse für das einzelne Kind?

Bedeutet das nun, dass mein Kind kein Lebenserfolg haben wird und ihm eine schlechte Zukunft bevorsteht, wenn es den Test nicht besteht? Abgesehen davon, dass „Lebenserfolg“ sicher ein subjektiver Begriff ist und von jedem Individuum sowie jeder Kultur anders definiert wird, gilt es bei dieser Frage zu differenzieren. Zunächst bieten auch signifikante Zusammenhänge keine zwingend verlässlichen Vorhersagen für den Einzelnen. Wer weiß, ob das Kind nicht vielleicht an dem Tag allgemein wenig gegessen hatte oder schnell auf Toilette musste? Außerdem gibt es Hinweise darauf, dass man Kindern wohlmöglich Strategien vorschlagen kann, die es Ihnen ermöglichen eine Belohnung länger aufzuschieben (Soda/ Mischel/ Peake, 1990).

 

 

 

Literatur:

Alquist, J. und Baumeister, R. F. (2012): Self-control: limited resources and extensive benefits. In: WIREs: Cognitive Science, 3. Jg., Heft 3, S. 419–423.

Mischel, W. (2015): Der Marshmallow-Test. Willensstärke, Belohnungsaufschub und die Entwicklung der Persönlichkeit. Siedler Verlag, München.

Shoda Y., Mischel, W., Peake, P.K. (1990): Predicting Adolescent Cognitive and Self-Regulatory Competencies From Preschool Delay of Gratification: Identifying Diagnostic Conditions. In: Development Psychology, 26. Jg., Heft 6, S. 978-986.

 

Dieser Beitrag wurde erstellt von Paulina Heilen