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Im Gespräch mit einer Psychotherapeutin

   16.05.2021

 

Sina vom BDP-S interviewt Claudia Rockstroh

 

Claudia Rockstroh ist psychologische Psychotherapeutin in Anstellung. Im BDP fungiert sie unter anderem als Vorsitzende der Landesgruppe Mitteldeutschland. Außerdem ist Claudia Mitautorin des Buches „Psychologie: Dein Start in den Traumberuf - Karriereplanung für Studierende", welches erstmal 2017 beim Deutschen Psychologen Verlag erschienen ist.

 

 

Wie hast du dich entschieden, dass du Psychotherapeutin werden möchtest?

Dafür habe ich mich entschieden, da habe ich schon studiert. Ich bin eigentlich zum Studium angetreten mit dem Gedanken: „Ich werde Profiler“. Ich weiß nicht,  ob ihr diese Sendungen kennt wie CIA, das hat mich damals echt angefixt. Mir ist im Studium dann aber sehr schnell klar geworden: Das ist kein Beruf, den man in Deutschland werden kann, das ist was sehr Amerikanisches. Ich habe dann noch ein bisschen an der Polizei drangehangen und musste dann aber auch im Studium feststellen, dass wir gar nichts darüber lernen. Und so bin ich dann durch mein Grundstudium gesegelt und wusste gar nicht so genau was ich werden sollte, bis zum ersten Pflichtpraktikum. Da wollte ich mir beweisen, dass das mit der Psychotherapie, von der da alle reden, nichts für mich ist. Also bin ich für das Praktikum in eine Psychiatrie gegangen, um mir das zu beweisen. Und dann war ich in einer Tagesklinik für psychische kranke Erwachsene, also wirklich weit weg von allem, was ich in meinem Leben werden wollte, und das hat so Spaß gemacht. Dann habe ich meine Pläne nochmal umgehauen und gesagt, ich schau mir das mit der Psychotherapie nochmal an. […] Dann habe ich festgestellt, das ist echt teuer und ich muss dafür meinen „Arsch hochkriegen“, aber es macht Spaß. Dann habe ich nochmal ein Praktikum in der Institutsambulanz von der TU Dresden gemacht […] und das war nochmal so augenöffnend, dass ich gesagt habe, da muss ich jetzt irgendwie die Zähne zusammenbeißen und mich durch die Ausbildung quälen. Es hat geklappt, ich habe es gemacht und es macht mir immer noch sehr viel Freude.

 

 

Was macht dir an der Arbeit am meisten Spaß?

Am meisten Spaß macht mir das individuelle Problemlösen. Auch wenn mein Ansatz in der Psychotherapie nicht so problemorientiert ist, ist es ja dennoch so, dass zum Beispiel ein Klient zu mir kommt und sagt: „Folgendes ist mein Problem und ich habe das Gefühl du kannst mir dabei helfen“. Und am meisten Spaß macht mir daran zu verstehen, was das Problem aus der Perspektive desjenigen ist, der da kommt. Und mir nicht meine Meinung darüber zu bilden oder zu urteilen und zu sagen, dass die Lösung ja ganz einfach ist, wie das so bei solchen „Kaffeetisch-Ratschlägen“ wäre. Sondern mich wirklich in seine Lage zu versetzen und aus seiner Perspektive zu versuchen eine Lösung zu finden. Die schönste Rückmeldung ist nicht, wenn der Patient dann sagt, dass die Psychotherapie ihm gutgetan hat. Sondern für mich ist die schönste Rückmeldung, wenn der Patient sich auf diesen Prozess einlässt und mitschwingt. Das ist wirklich ein tolles Gefühl, ich mag das sehr gern.

 

 

Wie gehst du mit schwierigen Patienten um?

Es gibt Patientengruppen, bei denen ich immer wieder merke, dass ich da an meine Grenzen stoße. Das sind zum Beispiel Menschen mit Borderline-Störung oder Essstörung. Oder auch häufig in Kombination: Junge Frauen, die gleich beides mit sich bringen. Da komme ich echt an meine Grenzen. Ich hole mir dann einen anderen erfahrenen Therapeuten, der damit kein Problem hat. Von ihm lasse ich mich coachen, also selbst supervidieren. Gerade auch, als ich in Freiberg gearbeitet habe, gab es für Patient:innen nicht die Möglichkeit, einfach zu jemand anderem zu gehen. Ich habe deswegen noch Skrupel zu sagen, dass ich das nicht mache. In größeren Städten kann man dann durchaus sagen: „Es gibt genügend andere Niederlassungen, die sich damit auskennen, gehen Sie lieber zu jemand anderem.“. Wenn der Ort relativ klein ist, kann man das nicht so einfach machen. Die Betroffenen sind froh, wenn sie diesen Therapieplatz haben und sind auch froh, wenn die Therapeutin ihnen auf irgendeine Art und Weise hilft, auch wenn ihr das schwerfällt. Für diese Patient:innen habe ich mir immer Supervisionen genommen […]. Das war auch immer gut. Sonst hätte ich durchaus Probleme, diese Patient:innen ohne kollegiale Unterstützung durchzubringen. Ich merke, dass das meine Persönlichkeitsteile triggert. Es ist deswegen auch ein Teil der Ausbildung zu lernen, was man denn für eigene Päckchen zu tragen hat. Und einige Personen können das einfach gut triggern. Oft schaffen das nur Familienmitglieder, aber es gibt eben auch Patient:innen, die das unbewusst machen. Und das zu reflektieren ist wichtig. Da wächst man selbst und es nimmt einem auch die Last und den Frust […]. 

 

 

Würdest du sagen, dein Job macht dir jetzt immer noch genauso viel Spaß wie bei deinem ersten Praktikum?

Ich würde sogar sagen, dass es mir mehr Spaß macht als vorher. Weil man doch in der Ausbildung viel praktisches Wissen erwirbt. Das Wissen wächst mit jedem Tool, das man an die Hand bekommt. Vor allem wenn man es ausprobiert und merkt es funktioniert: Der Patient geht mit und erzählt, dass es ihm besser geht. Und so kommt auch immer wieder dieses Feedback und man sieht, wie der Patient sich positiv entwickelt. Es gibt natürlich auch Patient:innen, die sich nie positiv entwickeln, was traurig und frustrierend ist. Aber andere Patient:innen entwickeln sich dann eben doch und das ist, was mich daran begeistert. Egal welchen Psychologenberuf man sich anschaut, man darf mit Menschen arbeiten und deren Entwicklung begleiten. Ärzt:innen haben oft nur 5 Minuten Zeit […], weil da noch andere 100 Leute im Wartezimmer sitzen. Und bei mir sitzen eben keine 100 Leute, ich habe die 50 Minuten und das ist Luxus. Luxus, von dem ich hoffe, dass er uns nie verloren geht.

 

 

 

Wisst ihr schon, wohin es nach dem Studium für euch geht?

Wenn ihr wissen wollt, wie der Berufsalltag von Claudia Rockstroh aussieht und wie sie Job, Familienplanung und ihr Buch unter einen Hut gebracht hat, dann schaut euch das ganze Interview als Video auf unserer Berufsorientierungswebsite an (coming soon).

 

 

 

 

 Dieser Beitrag wurde erstellt von: Sina, Psychologiestudentin aus Gießen