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Kollektive Gewalt

   17.04.2021

Überall auf der Welt demonstrieren Menschen für ihre Anliegen. Neben friedlichen Protesten gibt es aber auch fast täglich Bilder von Gewalt und Zerstörung in den Nachrichten. Doch wie entstehen diese Gruppen, in denen Gewalt ein legitimes Mittel ist?

Gewalt in Gruppen

Die Weltgesundheitsorganisation definiert kollektive Gewalt als instrumentalisierte Gewaltanwendung durch Menschen, die sich als Mitglied einer Gruppe sehen. Sie ist gegen andere Gruppen oder mehrere Einzelpersonen gerichtet, um damit politische, wirtschaftliche oder gesellschaftliche Ziele durchzusetzen. Dies kann in verschiedenen Formen geschehen.

 

 

 

Wie entsteht Gewaltbereitschaft?

Gerade in der Jugend ist der Wunsch nach einer sozialen Identität jedoch hoch. Viele Individuen, gerade diejenigen, die einer Minderheit angehören, erfahren jedoch während ihrer Sozialisation Ungerechtigkeit, Diskriminierung und Ausgrenzung. Diese Desintegration und Desorientierung in der Gesellschaft können so zu Frustration führen. Der starke Drang nach einer sozialen Zugehörigkeit führt dann oft zu einer Überidentifikation mit einer dafür geeigneten Gruppierung. Es entsteht eine Polarisation. Wer nicht zur eigenen Gruppe („In-group“) gehört, gehört automatisch zu den anderen, der „Out-group“, oftmals einer Feindgruppe (Wahl, 2009).

Neben der sozialen Diskriminierung spielt strukturelle Diskriminierung eine große Rolle. Ungleichgewicht in der Verteilung von Ressourcen (wie Lebensmittel, Wohnraum, Bildung) bedrohen die Existenz der Einzelnen und der Gruppe und führen zu wahrgenommener Entfremdung und Entrechtung. Lässt sich durch friedliche politische Maßnahmen an diesen Umständen nichts ändern, steigt die Einsicht, Gewalt als notweniges Mittel zum Erreichen der Gruppenziele nutzen zu müssen. Ob es an dieser Stelle zu gewaltvollen Ausschreitungen kommt, hängt aber auch von dem System des Regimes ab. Reagiert das Regime mit Gewaltanwendung, senkt dies die Hemmschwelle zur Gewaltanwendung der Bevölkerung (Logvinov, 2017).

Fassen wir an dieser Stelle einmal kurz zusammen: Individuen mit persönlicher Erfahrung von Ausgrenzung und Benachteiligung leben in einem System, in dem die Gewaltanwendung des Regimes legitimiert wird. Auf der Suche nach einer Zugehörigkeit bilden sich Gruppen. Mit zunehmender Aussichtslosigkeit steigt die wahrgenommene Einsicht der entstandenen Gruppierung, Gewalt zur Durchsetzung ihrer Ziele gebrauchen zu müssen.

 

Wie kommt es zu einem gewalttätigen Konflikt?

Die Einstellung und Ansichten der einzelnen Mitglieder werden in der Gruppe oft extremer und kollektive Wut senkt die Aggressionsschwelle.  Die Entscheidungen, die dann innerhalb der Gruppe getroffen werden, sind zum größten Teil emotional geladen, weniger rational und anfälliger für Verfälschungen. Eine Art der Verfälschung kann das Framing sein: Alles, was nun geschieht, wird in dem speziellen Handlungsrahmen des Konflikts interpretiert. Die Feindgruppe wird denunziert und dehumanisiert. Die gewalttätigen Aktionen der eigenen Bezugsgruppe werden als reiner Akt der Selbstverteidigung wahrgenommen, was das eigene gewaltvolle Handeln rechtfertigt. Gleichzeitig fühlen sich die einzelnen Mitglieder weniger verantwortlich für Gewaltakte, die als Gruppenaktivität begangen wurden. Nicht nur, dass weniger Schuldgefühle entstehen, das Gefühl von Dominanz und Macht über andere wirkt gleichzeitig als psychische Belohnung, ebenso die Solidarität und Freundschaft innerhalb der Bezugsgruppe (Logvinov, 2017).

Fassen wir auch an dieser Stelle noch einmal zusammen: Gruppen treffen radikale Entscheidungen. Die eigenen Angriffe zählen als Selbstverteidigung, statt Schuldgefühlen entsteht hier ein Belohnungssystem.

 

 

Ausblick

Gewalt als Massenphänomen ist wenig erforscht. Während individuelle Gewalt schon seit langer Zeit ein Forschungsgegenstand ist, gibt es noch viele offene Fragen über die Prozesse von kollektiver Gewalt. Was aber definitiv an dieser Stelle gesagt werden sollte ist, dass Forschung nicht nur ein Augenmerk auf den Umgang mit kollektiver Gewalt legen sollte. Vielmehr sollte es in Zukunft darum gehen herauszufinden, durch welche Maßnahmen sie effektiv verhindert werden kann, damit Zustände, wie wir sie jetzt beobachten müssen, gar nicht erst entstehen.

 

 

 

Logvinov, M. (2017). Salafismus, Radikalisierung und terroristische Gewalt: Erklärungsansätze, Befunde, Kritik. Springer VS research. Springer VS.

Wahl, K. (2009). Aggression und Gewalt: Ein biologischer, psychologischer und sozialwissenschaftlicher Überblick (1. Aufl.). Spektrum Akademischer Verlag.

World Health Organization (2002). World report on violence and health: summary. Verfügbar unter https://www.who.int/violence_injury_prevention/violence/world_report/en/summary_en.pdf?ua [18.06.2020]

 

 

Von Sina Weickgenannt, Psychologiestudentin aus Gießen