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Stigma: Pädophil

   28.03.2021

 

Interview mit Clara Stockmann von Kein Täter werden

 


 

 

Wenn dein Nachbar rüberkommt und sagt: „Hey, ich hatte heute einen total langen Tag, lass uns mal einen Wein trinken zusammen und den Tag zusammen ausklingen“ und du sagst: „Nein ich bin trockener Alkoholiker, das mache ich nicht“, dann gilt das als verantwortungsbewusst und gut

Wenn er allerdings sagt: „Hey, ich muss jetzt schnell zur Arbeit, kannst du auf meinen Sohn aufpassen?“ und du sagst: „Ne du, ich bin pädophil, das ist keine gute Idee“, dann kannst du dir wahrscheinlich einen neuen Namen und einen neuen Wohnort suchen. [Kein Täter werden]

 

Pädophilie und sexuellem Kindesmissbrauch begegnet man immer wieder in den Nachrichten. Obwohl Pädophilie keinesfalls immer zu Kindesmissbrauch führt, werden beide Begriffe oft synonym behandelt. Clara Stockmann berichtet aus der Arbeit des Präventionsnetzwerks Kein Täter werden.

Das Präventionsnetzwerk Kein Täter werden entstand aus dem Präventionsprojekt Dunkelfeld. Dieses wurde 2005 von Prof. Dr. Dr. Klaus M. Beier initiiert, um Menschen mit einer pädophilen Neigung therapeutische Hilfe anzubieten. Als klar wurde, dass die Nachfrage sehr groß ist, wurden auch andere (Universitäts-) Kliniken Teil des Projektes, um eine flächendeckende Behandlung anbieten zu können. 13 Standorte sind mittlerweile in Deutschland vertreten. Das Ziel des Netzwerkes ist es, Kindesmissbrauch und die Nutzung von Missbrauchsabbildung (bekannt als „Kinderpornografie“) zu verhindern. Einerseits werden damit Kinder geschützt, andererseits leiden Menschen mit Pädophilie häufig durch Begleiterscheinungen wie Depression oder Angststörung unter ihrer Neigung. Ein weiteres Ziel ist es also, diesen Menschen eine Gesundheitsversorgung anbieten zu können und Missbrauch so primär zu verhindern.

Das Projekt ist weltweit ziemlich einzigartig, weil wir in Deutschland das Glück haben, dass die Schweigepflicht so großgeschrieben wird.  Das bedeutet, dass wir anders mit unseren Patienten arbeiten können. Die Leute können sich bei uns anonym melden und müssen weder ihren Namen noch ihre Adresse sagen. Sie können sich ein Pseudonym überlegen und dann einfach herkommen.“, berichtet Clara Stockmann. Die Patienten bekommen dann eine PIN-Nummer, anhand derer auch der Therapieverlauf dokumentiert wird. Die Schweigepflicht darf nur in wenigen Ausnahmen gebrochen werden. „Das wäre in unserem Fall zum Beispiel, wenn wir wüssten, dass ein Kind akut in Gefahr ist.“. Vergangene Straftaten oder vergangener Missbrauch muss allerdings nicht gemeldet werden.  So können Risikosituationen während der Therapie offen thematisiert werden.

Das Projekt wird durch den Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen im Rahmen des §65d SGB V, der Förderung von besonderen Therapieangeboten, finanziert und zusätzlich von der Technischen Universität Chemnitz evaluiert – auf diese Weise müssen Patienten keine persönlichen Daten angeben.

Das Projekt richtet sich an die Patienten, die aktuell keinen Kontakt zur Justiz haben, auch wenn einige Patienten in ihrer Vergangenheit vor Gericht waren: „Wir sind eben ein Dunkelfeld-Projekt […]. Die Leute, die zu uns kommen, sind eigenmotiviert. Sie möchten ihren Leidensdruck loswerden, und möchten, dass es nicht (mehr) zum Missbrauch oder zur Nutzung von Missbrauchsabbildungen kommt. Und natürlich kann man dann therapeutisch ganz anders arbeiten als in einem justiziellen Kontext. […]. Die Prämisse unserer Arbeit ist, dass keiner etwas für seine sexuellen Fantasien kann. Wir wissen: Sexuelle Ausrichtung manifestiert sich im Jugendalter […]. Für sein Handeln muss aber natürlich jeder selbst Verantwortung übernehmen und es ist unser Angebot, dabei zu helfen. Und das ist auch das was wir wertschätzen können: Selbst wenn jemand einen Übergriff begangen hat, dass er sich dann dazu entscheidet zu uns zu kommen und zu sagen „okay jetzt reicht es, jetzt möchte ich mich dem stellen“, dann ist es das was wir unterstützen.“.

Für Menschen mit Pädophilie ist ihre Neigung häufig ein Geheimnis, mit dem sie auf sich allein gestellt umgehen müssen. Wenn überhaupt, dann ist der engste Freundes- oder Familienkreis informiert. Wie im öffentlichen Diskurs über Pädophilie gesprochen wird, hat deshalb auch eine hohe Auswirkung darauf, ob sich Patienten in dem Projekt melden, so Frau Stockmann: „[…] dass jemand sagen kann: Ich bin pädophil und deswegen will ich nicht auf deinen Sohn aufpassen, das geht einfach nicht“.

Obwohl es laut Frau Stockmann schon deutlich mehr Bewusstsein für den Unterschied zwischen Pädophilie und sexuellem Kindesmissbrauch gibt, kursieren zum Teil noch sehr viele Vorurteile. Die jüngste Entwicklung einer Selbstjustiz-Bewegung, in den Medien Pädo-Jäger genannt, zeigt, dass viele eine pädophile Neigung noch nicht von sexuellem Kindesmissbrauch differenzieren können. „Das ist einfach ein so emotional besetztes Thema, […] da braucht es noch viel Aufklärungsarbeit

Auch wenn weite Teile des Dunkelfeldes nicht erfasst werden könne, zeigen Studien, dass lediglich 40-60% der Menschen, die wegen sexuellem Kindesmissbrauch im Gefängnis saßen, tatsächlich eine Pädophilie haben. Die anderen Fälle von Kindesmissbrauch passieren also aus verschiedensten anderen Gründen, wie zum Bespiel Macht oder andere Persönlichkeitsgründe. „Es ist mir auf jeden Fall wichtig zu betonen, dass es einen Unterschied gibt zwischen Pädophilie, also einer sexuellen Ansprechbarkeit für Kinder, und sexuellem Kindesmissbrauch. Wir können nichts für unsere Fantasien, die sind erstmal total in Ordnung und alles was in unserem Kopf passiert ist okay.  Erst wenn unsere Handlungen in irgendeiner Form andere einschränken, dann ist das nicht okay - das muss auch gar nicht Missbrauch sein, das können auch andere Handlungen sein, für die es keinen Consent gibt,- wenn ich meinen Partner zu irgendwas zwinge. Und sollte man unter solchen Fantasien leiden und sich Hilfe wünschen, dann kann man sich an Kein Täter werden wenden.

Doch selbst unter Psychotherapeut*innen und Psycholog*innen ist Pädophilie kein geläufiges Thema. Viele trauen sich nicht Betroffene zu behandeln. Das Präventionsnetzwerk bietet deshalb Informationsveranstaltungen für Fachpersonal an. Es gibt auch immer wieder Institute, die externe Dozierende bei Kein Täter werden anfragen. Neben Betroffenen und Angehörigen gibt es also auch für Fachpersonal und Therapeut*innen die Möglichkeit Informationen und Unterstützung anzufragen.

 

 

Wenn du selbst betroffen bist, jemanden kennst oder auch einfach, wenn du mehr über dieses wichtige Thema wissen möchtest, dann findest du unter https://www.kein-taeter-werden.de/   mehr Informationen.

Und wenn du dir vorstellen kannst selbst einmal in diesem Bereich zu arbeiten und mehr darüber erfahren willst, dann schau mal bei unserer Berufsorientierung vorbei (https://www.bdp-berufsberatung.de/) . Hier erscheint bald ein Interview, indem Clara Stockmann aus ihrem Berufsleben erzählt und erklärt, wie die Arbeit als Psycholog*in im Bereich der Sexualwissenschaft aussieht.

 

Von Sina Weickgenannt, Psychologiestudentin aus Gießen