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Verschwörungsmythen

06.06.2020


 

"Ist der Einfluss des Satanisten [Bill] Gates auf Kröte Merkel nicht Grund genug, auf die Straße zu gehen?"

A. Hildmann, 06.06.2020


Wenn Attila Hildmann in seine Telegram-Gruppe schreibt, lesen das knapp 57.000 Menschen – Tendenz steigend. So viele Nutzer*innen sind zurzeit Mitglied in seinem öffentlichen Kanal und empfangen täglich Nachrichten, in denen Hildmann über die Verschwörung der Eliten in Deutschland erzählt. Für ihn herrscht in Deutschland wieder eine Diktatur.

Flat-Earth, Chemtrails, Reichsbürger – es scheint, als wären Verschwörungsmythen auf dem Vormarsch. Ob in der Politik, der Medizin oder der globalen Finanzwelt – zu jedem Prozess, der undurchsichtig erscheint und einen hohen Komplexitätsgrad besitzt, gibt es Verschwörungsmythen. Doch warum verbreiten sich Verschwörungsmythen überhaupt so schnell? Wie kann dem Trend entgegengewirkt werden? Und wie geht man damit um, wenn die eigene Mutter glaubt, dass die Erde flach ist?

Was sind Verschwörungsmythen?

Grundsätzlich wird davon ausgegangen, dass Verschwörungsmythen drei Kriterien erfüllen müssen, um als solche zu gelten (Wood, Douglas, & Sutton, 2012).

  1. Es muss eine Gruppe von Menschen geben, die einen geheimen Plan entwerfen
  2. Diese Gruppe verfolgt ein übergeordnetes Ziel, welches durch verschiedene Handlungen erreicht werden soll
  3. Die Handlungen der Verschworenen laufen im Geheimen ab

Dass Verschwörungsmythen so populär sind, liegt unter anderem daran, dass sie einen Sachverhalt erklären, der für Menschen sonst nicht verständlich ist. So ist etwa das globale Finanzwesen so hochkomplex, dass „normale“ Menschen die ablaufenden Prozesse nicht mehr nachvollziehen können. Das Nicht-Verstehen führt zu einer starken Unsicherheit. Durch die einfachen Erklärungsangebote der Verschwörungsmythen erhalten die Menschen daher gefühlte Kontrolle zurück, weil sie die Illusion haben, den Sachverhalt durchschaut zu haben. Das führt dazu, dass sie ein höheres Sicherheitsgefühl erleben.

Wer ist besonders von Verschwörungsmythen betroffen?

Vor allem Menschen, die in ihrem Leben wenig Kontrolle empfinden, neigen dazu, an Verschwörungsmythen zu glauben. Wenn Menschen ein einschneidendes Ereignis erleben, etwa den Verlust der eigenen Arbeit, dies aber nicht nachvollziehen können, dann suchen sie nach Erzählungen, die ihre Situation erklären. So kompensieren die Menschen einen Teil der Machtlosigkeit und gewinnen an wahrgenommener Kontrolle. Der Wunsch nach Kontrolle hängt eng mit dem Bedürfnis zusammen, dass Menschen die Welt verstehen müssen (fachsprachlich Kohärenzbedürfnis genannt). Es ist schwer, Ereignisse als unerklärlich zu werten, sucht das Gehirn doch immer nach Mustern und Zusammenhängen.

Ein damit zusammenhängender Prozess im Denkmuster, der zum Verschwörungsglauben führt, ist der sogenannte Konjunktionsfehler. Hier entsteht ein kognitiver Denkfehler, bei dem das gleichzeitige Auftreten von zwei Ereignissen fälschlicherweise als wahrscheinlicher bewertet wird als das Auftreten eines einzelnen Ereignisses. Proband*innen könnten etwa gefragt werden:

Welche Alternative ist wahrscheinlicher? ­
     - Linda geht in die 11 Klasse.
     - Linda geht in die 11 Klasse und engagiert sich bei Fridays for Future.

In den (dem Beispiel ähnlichen) Studien von Kahnemann und Tversky entschieden sich etwa 85-90% aller Studierenden für die zweite Option. Die Proband*innen haben somit gegen eine grundlegende Regel der Logik verstoßen. Bei konspirationistischem Denken ist dieses Denkmuster häufiger zu finden, was deutlich macht, dass spezifische Verbindungen in den Ereignissen angenommen werden. Hier wird etwa eine direkte Verbindung zwischen dem Terroranschlag am 11.September 2001 und dem Einmarschieren der US-Amerikanischen Truppen im Irak 2003 angenommen (Die US-Regierung soll den Anschlag selbst eingefädelt haben, um den Irakkrieg rechtfertigen zu können).

Das dritte Denkmuster, welches häufig mit dem Glauben an Verschwörungsmythen in Verbindung gebracht wird, bezeichnet den Hang, einschlägigen Ereignissen wie dem Attentat auf J.F. Kennedy oder dem Unfall von Prinzessin Diana eine große, bedeutungsvolle Ursache zuzuschreiben. Dabei suchen die Menschen nach einer Erklärung, die der Größenordnung des Ereignisses angemessen scheint. Für die Menschen ist es demnach einfacher, eine große Verschwörung zu vermuten, statt schlicht und einfach Pech oder Zufall als Ursache zu akzeptieren.

Sonst noch interessant:

  • Studien konnten wiederholt zeigen, dass Verschwörungsmystiker*innen wissenschaftliche Befunde mit höherer Häufigkeit ablehnen.
  • Verschwörungsmystiker*innen haben oft ein widersprüchliches Glaubenssystem aufgebaut. Je mehr die Menschen etwa daran glauben, dass Prinzessin Diana ihren eigenen Tod vortäuschte, desto mehr glauben sie auch daran, dass sie ermordet wurde.
  • Menschen mit ausgeprägten narzisstischen Persönlichkeitsmerkmalen glauben aufgrund ihrer oftmals erhöhten Paranoia häufiger an Verschwörungsmythen.

Warum verbreiten sich Verschwörungsmythen?

Verschwörungsmythen verbreiten sich häufig deshalb, weil die Menschen nicht die nötige Medienkompetenz besitzen, um einzuschätzen, wie glaubwürdig bestimmte Internetangebote sind. Studien zufolge bewerten Verschwörungsmystiker*innen ein Video auf YouTube als genauso glaubwürdig wie etwa eine wissenschaftliche Publikation. Die Verbreitung von Verschwörungsmythen ist deshalb so einfach, weil sich die oben genannten Denkmuster potenziell mit einer geringen Medienkompetenz verknüpfen und den Glauben an die Theorien steigern.

Um diesem Trend entgegenzuwirken muss Medienkompetenz im Zusammenhang mit medialer Quellenkritik ein essenzieller Bestandteil der Schulbildung werden – ein Thema was eng mit der Digitalisierung zusammenhängt, die in den Schulen für Jahre vernachlässigt wurde.
 

Wie erkennt man Verschwörungsmythen?

Meistens werden Fake News über Soziale Medien oder Messenger-Apps verbreitet. Wenn eine Nachricht verdächtig aussieht, sollte man als erstes weiterführend recherchieren und die Quelle der Nachricht betrachten.

  • Wer ist der/die Verfasser*in der Information?
  • Kann ich der Quelle glauben?
  • Gibt es andere Quellen, die die Information bestätigen?

Dabei hilft es, die Informationen über andere Quellen zu falsifizieren, z.B. über die Nachrichtenportale der öffentlich-rechtlichen Medien oder große Zeitungen wie die Süddeutsche Zeitung oder dem Spiegel. Täglich beschäftigen sich Organisationen wie Correctiv mit den Verschwörungsmythen und ordnen die Aussagen mit Faktenchecks ein. Sie haben viele der Behauptungen, die durchs Netz geistern, bereits widerlegt. Der BR hat ein Video-Tutorial hergestellt, welches Hilfestellung gibt Verschwörungsmythen besser zu erkennen. Außerdem gibt es vom ARD einen Faktenfinder, in dem erklärt wird, wie man Fake-News erkennen und Verfasser überprüfen kann.

Tipps im Umgang mit Verschwörungsmythen

1. Nachfragen

Ein wichtiger Umgang mit Menschen, die an Verschwörungsmythen glauben, ist, nachzufragen, was bestimmte Aspekte der Theorie bedeuten oder die Bedeutung der Aussage zu klären. So kann man etwa fragen: „Meinst du das so, wie ich das verstanden habe? Das würde doch bedeuten, dass deine Theorie antisemitisch ist.“
Oft führen diese Fragen schon dazu, dass der Gegenüber reflektiert und seine Meinung eventuell (im Nachhinein) ändert. Doch muss man damit rechnen, dass Fakten und Überzeugung nicht auf offene Ohren stoßen.

Denn:

2. "Fakten sind ein stumpfes Schwert"

Überzeugte Verschwörungsmystiker*innen sind laut einer Studie über Theorien zur Grippeimpfung sehr schwer mit Fakten zu erreichen. Die Kritiker würden lediglich noch skeptischer werden, wenn sie mit Gegenargumenten konfrontiert werden. Es ginge häufig darum, we01996r welcher Quelle vertraut. Wenn sich die Quellen stark unterscheiden und den gegenseitigen Quellen misstraut wird, dann gibt es selten eine Einigung.

 

3. Intention ernst nehmen

In der Diskussion mit Verschwörungsmystiker*innen sollte man den Gegenüber ernst nehmen, ohne den Mythen zuzustimmen. Ohne den gegenseitigen Respekt kann ein Austausch nicht gelingen. Denn hinter den Verschwörungsmythen stehen oft spezifische Motive, etwa Sorgen, Ängste oder Opportunismus. Wenn man die Motive der Verschwörungsmythen identifiziert hat, kann man überlegen, ob sie auch über einen anderen Weg befriedigt werden können – denn dann werden die Verschwörungsmythen schnell überflüssig.

 

 

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