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Ein Lebenslauf der Fehlschläge

14.05.2020

Ein Lebenslauf der Fehlschläge

 

Oft wirken Karrieren erfolgreicher Menschen wie eine konstante, gradlinige Erfolgsgeschichte ohne jeglichen Rückschlag. Wann immer wir dann individuelle Misserfolge erleben, fühlen wir uns allein und entmutigt. Für Misserfolg ist kein Platz, so scheint es, wenn man es zu etwas bringen möchte.

Dennoch sind unsere Misserfolge genauso Bestandteile wie unsere Erfolge. So beschreibt etwa Kate Sweeny, Psychologie-Professorin an der University of California, ihre Erfahrungen:

 

„Ich wurde abgelehnt. Unzählige Male. Ich habe Manuskripte und Anträge eingereicht, die scharf kritisiert und abgelehnt wurden, mich für viele Stellen beworben, die ich nicht bekommen habe.“

 

Ihre Rückschläge beschreibt Sweeny in einem ungewöhnlichen Artikel, welches gerade von zehn Psycholog*innen im Journal „Perspectives on Psychological Science“ veröffentlicht wurde. Das Thema: Selbstzweifel.

Die Autor*innen erzählen, jeder Mensch würde im Laufe seines Lebens Misserfolge erleben und deshalb sei es notwendig, dies nicht zu stigmatisieren. Vielmehr sollten Ablehnung, Selbstzweifel und Burnout breiter diskutiert werden. Die Autor*innen versuchen also, ein Tabu zu brechen, welches keines sein sollte. Seinen Ursprung fand der Artikel in einem Diskussionspanel auf einer Konferenz der Society for Personality and Social Psychology. Während die Autor*innen von ihren Erfahrungen erzählten, bemerkten sie eine Welle von Emotionen bei den Wissenschaftler*innen im Plenum, die sichtlich berührt waren von der Ehrlichkeit der Erzählenden. Anscheinend ist vielen das erste Mal bewusst geworden, dass sie mit ihren Erfahrungen nicht allein sind.

 

Besonders hoch ist der Anteil von Depressionen und Ängstlichkeit auch in einer anderen Gruppe: Studierenden. 2018 stellten Psycholog*innen Befunde in „Nature“ vor, die Studierende in 26 Ländern über ihr Wohlbefinden befragten. Dabei stellte sich heraus, dass etwa 40% aller Befragten in ihrem Studium Angstzustände oder Depressionen erleben, ca. 6-Mal häufiger als in der allgemeinen Bevölkerung.

Dave Reay, heute Professor am Institut für Geowissenschaften der University of Edinburgh, beschrieb seine Erfahrungen als Student etwa so: „Also habe ich geschwiegen, aus Angst, mich lächerlich zu machen, Misstrauen zu ernten, angefeindet oder ins Abseits gedrängt zu werden.“ Den Mut, über seine Probleme zu reden, habe er erst viel später aufgebracht. Hier sei auf seinen sehr lesenswerten Artikel „You are not alone“ verwiesen.

Die wichtigste Erkenntnis für Sweeny und ihre Kolleg*innen ist, dass der Erhalt einer Ablehnung oder andere Misserfolge kein Versagen darstellen. Des Weiteren formulieren die Autor*innen vier wichtige Lehren, die sie aus ihren Misserfolgen gelernt haben und die sie an die nächste Generation von Akademiker*innen weitergeben möchten.

 

  • 1. Ausdauer ist der zentrale Erfolgsfaktor

  • 2. Absagen sind keine Misserfolge, lediglich Hindernisse auf dem Weg zu Erfolg

  • 3. Strukturiere deine Attributionen für den Misserfolg auf externe Gründe

  • 4. Habe keine Angst, die Hilfe eines Therapeuten in Anspruch zu nehmen

 

„Jeden Misserfolg, den du erlebt hast - andere haben genau die gleiche Erfahrung gemacht“

 

Dass Studierende besonders häufig Unwohlsein verspüren ist alarmierend. Leistungsdruck und Versagensängste führen dazu, dass die Zeit an der Universität zu einer Qual wird. Vielleicht führt der Gedankenanstoß von Kate Sweeny und ihren Kolleg*innen ja dazu, dass der Universitätsbetrieb etwas humaner gestaltet wird.

Vielleicht sollten wir aufhören, unsere Rückschläge und Misserfolge zu verstecken und damit beginnen, sie zu feiern und froh darüber zu sein, was wir bisher erreicht haben. Melanie Stefan etwa fordert uns alle heraus, einen eigenen Lebenslauf zu schreiben, mit all den Misserfolgen, Absagen und Fehlschlägen, die wir bisher erlebt haben. Dieser wäre zwar wesentlich länger, soll uns aber daran erinnern, welche Wahrheiten oftmals im Verborgenen liegen – vielleicht helfen wir damit jemandem, eine Absage abzuschütteln und neu zu beginnen.

 

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