< zurück zum BDP-S Blog

Die Arbeit eines leitenden Psychologen und Psychotherapeuten im Schlaflabor

06.05.2020

 

Rebecca Woelke: Wie sieht ein ganz normaler Montag in Ihrem Schlaflabor aus?

Markus Specht: Montags kommen die neuen Patienten und Patientinnen ab 8 Uhr in unser Schlaflabor. Wir führen dann Anamnesegespräche mit ihnen und besprechen, warum sie schlecht schlafen. Aber auch die Bettpartner werden befragt, was ihnen in der Nacht an ihrem Partner oder Partnerin auffällt. Beispielsweise, ob sie Atempausen beobachtet haben. Nachmittags kommen ambulante Patienten und Patientinnen zur Kontrolle ihres Therapieverlaufs. Außerdem führen wir in unserem Schlaflabor eine Studie zu einer neuen Therapiemethode zur Behandlung von Atempausen durch, zu der wir regelmäßig Patienten und Patientinnen einladen und untersuchen.

Rebecca Woelke: Diese verschiedenen Aufgaben klingen sehr nach interdisziplinärem Arbeiten. Erzählen Sie mir: Mit welchen verschiedenen Berufsgruppen arbeiten Sie zusammen und was schätzen Sie daran besonders?

Markus Specht: Zu den verschiedenen Berufsgruppen in unserem Schlaflabor gehören Medizinisch-Technische Assistentinnen, die mich als Behandler bei der Auswertung der Schlafaufzeichnungen, die wir in der Nacht mittels spezieller Software aufzeichnen, unterstützen. In der Nacht werden die Patienten und Patientinnen von Pflegekräften, Medizinisch-Technischen Assistentinnen und studentischen Hilfskräften betreut. Zu meinem Kollegenkreis gehören außerdem zwei ärztliche Kolleginnen, mit denen ich im direkten Austausch stehe und die Patientenfälle bespreche. Daran schätze ich besonders, dass jeder Ansprechpartner oder Ansprechpartnerin für den anderen ist und es eine Verbindung zwischen Medizin, Pflege und Psychologie gibt, um den Schlaf unserer Patienten und Patientinnen zu optimieren.

Rebecca Woelke: Durch Ihre Ausführung erscheint es mir so, als dass die Medizin eher eine Rolle spielt, als die Psychologie.

Markus Specht: Die Auffassung ist auch verständlich, da es schließlich „Schlafmedizin“ und nicht „Schlafpsychologie“ heißt. Jedoch ist die häufigste Schlafstörung in Deutschland die Ein- und Durchschlafstörung, auch Insomnie genannt. Für dieses Krankheitsbild sind psychotherapeutische Methoden die optimale Behandlung. Metaanalysen zeigen, dass eine alleinige Behandlung der Insomnie schon zu einer Verbesserung einer Angst – und Depressionssymptomatik führt. Trotzdem ist die Psychologie in den Schlaflaboren noch eher selten vertreten, da die meisten rein medizinisch und nicht interdisziplinär ausgerichtet sind.

Rebecca Woelke: Das klingt sehr nach dem Schwerpunkt der Klinischen Psychologie. Welche Voraussetzungen sollte eine Person mitbringen, die als Psychologin oder Psychologe in einem Schlaflabor tätig werden möchte?

Markus Specht: Offenheit! Wie bereits erwähnt, lebt die Arbeit im Schlaflabor von interdisziplinärem Austausch. Man sollte kein „Alleingänger“ sein oder seinen Fall sofort an die Kollegen abschieben, wenn man mit den eigenen Methoden nicht weiterweiß. Viel wichtiger ist es, über sein eigenes Fach hinaus zu denken, welche Ursache der gestörte Schlaf haben könnte. Ganz wichtig: sich nicht scheuen Fragen zu stellen!

Rebecca Woelke: Würden Sie sagen, dass für Ihre Arbeit eine Psychotherapieausbildung essenziell ist?

Markus Specht: Meiner Meinung nach schon. Gerade in der Psychotherapieausbildung lernt man sehr viel über die Diagnostik psychischer Störungen. In der Schlafmedizin betreuen wir die Patienten und Patientinnen nur zwei Nächte und drei Tage, das heißt, wir müssen in dieser kurzen Zeit eine sehr solide Diagnostik machen. Ohne meine Psychotherapieausbildung wüsste ich nicht, ob ich diese heute auf so einem Niveau ausführen könnte, wie ich es heute tue.

Rebecca Woelke: Hätten Sie während Ihres Studiums gedacht, dass Sie später in einem Schlaflabor arbeiten werden?

Markus Specht: Definitiv nicht! Immer, wenn ich diese Frage gestellt bekomme, denke ich an ein Seminar in der Allgemeinen Psychologie, in dem es um das Thema Schlaf ging. Es hat mich zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht interessiert. Ich konnte gut schlafen, das Thema war einfach nicht relevant. Im Rahmen meiner Psychotherapieausbildung habe ich dann in einem Schlaflabor gearbeitet und fand die Arbeit zunehmend so spannend, sodass ich sie auch heute noch sehr lange weiter machen möchte.