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Interview mit Elias und Max von "Mind the Mind"

Elias (23) und Max (24), zwei Psychologiestudenten im anwendungsorientierten Master der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz, haben für ein Jahr das Amt als Local Coordinators des Projekts „Mind the Mind“ in Mainz übernommen. Das Projekt hat es sich zum Ziel gesetzt, Schülerinnen und Schüler in interaktiven Workshops über psychische Störungen aufzuklären, um diese zu entstigmatisieren und Tabuthemen aufzulösen. In diesem Interview sprechen sie über das Projekt, ihre Erlebnisse während der Workshops und welche Erfahrungen sie bisher für ihren weiteren Berufsweg mitnehmen konnten.

 

Rebecca: Zunächst möchte ich gern ganz allgemein mit euch über das Projekt sprechen. Wie würdet ihr „Mind the Mind“ Personen erklären, die noch nie etwas davon gehört haben?

Elias: Bei „Mind the Mind“ handelt es sich um ein von Psychologiestudentinnen und -studenten ehrenamtlich durchgeführtes Projekt, welches Teil der Social Impact Initiative der European Federation of Psychology Students‘ Association (kurz: EFPSA) ist. Wir halten interaktive Workshops in unterschiedlichen Schulen, um die Entstigmatisierung von psychischen Störungen nachhaltig zu fördern.

Rebecca: Was genau meinst du mit einer nachhaltigen Entstigmatisierung psychischer Störungen?

Elias: Wir schaffen auf unseren Workshops einen offenen und sicheren Rahmen, in dem die Schülerinnen und Schüler über psychische Störungen und die damit verbundenen Stigmata sprechen können. Unsere Idealvorstellung ist es, dass sie nach unserem Workshop in die Gesellschaft hinausgehen und diesen Gedanken nach außen tragen. Den Gedanken und die Haltung: „Es ist ok offen über psychische Störungen zu sprechen.“

 

Max: Wir wünschen uns quasi einen multiplikatorischen Effekt, in dem die Schülerinnen und Schüler ihre Erlebnisse nicht nur mit ihren Eltern, sondern auch mit ihren Freundinnen und Freunden teilen und es somit normaler wird, über psychische Erkrankungen zu sprechen, um vorherrschende Stigmata aufzulösen.

 

Rebecca: Ihr habt nun die Leitung von „Mind the Mind“ als Local Coordinators in Mainz übernommen, für welche ihr extra einen Bewerbungsprozess durchlaufen musstet. Wie seid ihr denn ganz allgemein auf das Projekt aufmerksam geworden und wie lange seid ihr schon dabei?

Max: Wir sind vor drei Jahren durch einen Kommilitonen und Freund auf das Projekt aufmerksam geworden. Er hat es quasi nach Mainz gebracht und aufgebaut. Früher sind wir nur ungefähr 10 Freiwillige gewesen und mittlerweile liegt unsere Zahl schon bei 50. Und nun haben wir für ein Jahr die Leitung des Projekts in Mainz übernommen.

Elias: Max hat auch gleich eines unserer Ziele angesprochen: Wir wollen das Projekt größer machen, um noch mehr Schülerinnen und Schüler zu erreichen. Leider ist das Projekt noch nicht in allen großen deutschen Städten bekannt. Eher das Gegenteil ist der Fall.

 

Rebecca: In welchen Schulen haltet ihr eure Workshops? Habt ihr bestimmte Auswahlkriterien?

Max: Aktuell halten wir unserer Workshops in Mainzer Schulen und einer Schule in Pirmasens. Es kann aber auch beispielweise sein, dass welche von unseren Freiwilligen aus Köln kommen, dort in ihre alten Schulen gehen und wir dann dort einen unserer Workshops halten. Es kam auch schon einmal vor, dass wir direkt von einer Beratungsstelle angesprochen worden sind. Meistens werden wir jedoch über unsere Kontakte in den verschiedenen Schulen zur Schul- oder Mittelstufenleitung vorgelassen. Nicht immer haben wir bereits vorher Kontakte zu Schulen, manchmal gehen wir auch auf gut Glück zu neuen Schulen und stellen unser Projekt vor

Elias: Da stimme ich Max zu, meistens gehen wir in unsere alten Schulen und fragen dort nach. Dabei ist es jedoch völlig egal, ob es sich um eine Real-, Gesamtschule oder um ein Gymnasium handelt, da wir jeden, unabhängig vom Bildungsniveau und sozioökonomischen Status, erreichen wollen. Unser Fokus liegt dabei auf Schülerinnen und Schülern der 8.-10. Klasse, da unser Workshopprogramm von der EFPSA auf diese Jahrgänge zugeschnitten ist.

 

Rebecca: Sind euch bestimmte Aspekte besonders wichtig, wenn ihr euch bei den Schulen vorstellt?

Elias: Wir sagen, wer wir sind und stellen unser Projekt kurz vor. Dabei ist es uns besonders wichtig zu betonen, dass es sich dabei um eine Herzensangelegenheit von uns handelt. Der Workshop kostet die Schulen nichts, da wir komplett ehrenamtlich arbeiten, dafür aber gleichzeitig einen großen ideellen Wert vermitteln.

Max: Darüber hinaus betonen wir die Qualität unserer Workshops und dass diese gesichert ist. Wir weisen darauf hin, dass es sich um ein durch Forschung und Therapie evaluiertes Programm handelt, das laufend weiterentwickelt und auch supervidiert wird.

 

Rebecca: Beschreibt doch kurz, wie so ein „typischer“ Workshop aussieht, den ihr in den Schulen abhaltet. Was ist euch zu Beginn des eigentlichen Workshops wichtig?

Elias: Wenn wir vor den Schülerinnen und Schülern stehen, stellen wir uns erst einmal persönlich vor, nämlich wer wir sind und was wir machen. Danach ist es wichtig den Rahmen zu klären, in dem der Workshop stattfinden soll. Wir betonen, dass es sich um eine freiwillige Veranstaltung handelt, zu der sich niemand gezwungen fühlen soll. Das hilft uns eine Vertrauensbasis herzustellen, mit der wir dann arbeiten können. Trotzdem ist jederzeit eine Lehrkraft im Nebenraum anwesend, damit auch diejenigen Schülerinnen und Schüler betreut werden können, die gegebenenfalls aus persönlichen Gründen nicht an unserem Workshop teilnehmen möchten.

Max: Der ungezwungene Rahmen ist sehr wichtig. Diesen erreichen wir eben auch dadurch, dass wir uns duzen lassen und klar machen, dass wir keine Lehrerinnen oder Lehrer sind. Alles, was im Workshop gesagt wird, bleibt vertraulich und alle einigen sich darauf. Wir haben aber auch gemerkt, dass es wichtig ist zu betonen, dass es sich bei unserem Workshop nicht um Psychotherapie handelt, da wir eben nicht therapeutisch arbeiten.

 

Rebecca: Und wie sieht dann einer eurer Workshops vom Aufbau her aus?

Elias: Den eigentlichen Beginn des Workshops gestalten wir ganz assoziativ. Die Schülerinnen und Schüler werden dann von uns aufgefordert auszusprechen, an was sie denken, wenn das Thema psychische Erkrankungen in den Raum geworfen wird. Dadurch kommen wir schon super in einen Dialog und können uns austauschen.

Max: Nach dieser Einleitung lernen die Teilnehmenden des Workshops interaktiv die verschiedenen psychischen Erkrankungen kennen, beispielsweise durch Videos oder ein Quiz. Beispielsweise zeigen wir das Video „Der schwarze Hund“, in dem der Hund als Metapher für die Depression steht. Es eignet sich sehr gut dafür vorhandene Vorurteile, die gegenüber psychischen Erkrankungen existieren, aufzudecken und ihnen entgegenwirken.

Elias: Durch diese Entstigmatisierung wird sich dann endlich getraut offen über psychische Erkrankungen und die eigene Haltung gegenüber erkrankten Menschen zu sprechen. Gleichzeitig zeigen wir den Schülerinnen und Schülern Möglichkeiten auf, an wen sie sich wenden können, wenn sie einen Rat benötigen. Das kann zum Beispiel eine Hotline oder die Nummer gegen Kummer sein, wenn sie selbst nicht mehr weiterwissen. Oft fühlen sie sich für das Wohl ihrer Freunde und Freundinnen verantwortlich. Doch dann ist es wichtig zu lernen, ab wann und wo sie sich therapeutische Hilfe holen können.

Am Ende des Workshops bleiben wir natürlich auch noch da, um Fragen zu beantworten, um so beispielsweise auch schüchternen Personen die Möglichkeit für ein Gespräch zu bieten.

 

Rebecca:  Brauche ich Vorerfahrungen? Was sollte ich mitbringen, wenn ich mich bei „Mind the Mind“ einbringen möchte?

Max: Uns ist es zum einen sehr wichtig, dass man für das Projekt brennt, sich einbringen und etwas verändern möchte. Zum anderen braucht man zum Mitmachen bei uns nicht viel Vorwissen, da jede Person, die einen Workshop mitgestalten möchte, vorher an einem Training zu psychischen Störungen teilnehmen muss.

Elias: Es dürfen sich also auch gern Erstsemester angesprochen fühlen. Wenn man jedoch in einem höheren Semester ist und die Vorlesungen zur klinischen Psychologie besucht hat, umso besser, dann ist kein Extratraining mehr nötig.

Max: Das Training wird übrigens von einem Kommilitonen mit Klinikerfahrung durchgeführt, der schon diverse Trainings für Pflegepersonal gemacht hat. Außerdem gibt es noch eine Train-The-Trainer Schulung, die von der EFPSA ausgearbeitet wurde und ebenfalls für alle Workshopleiter verpflichtend ist.

 

Rebecca: Erzählt mir doch noch von eurem bisher prägendstem Moment, den ihr auf einem eurer Workshops erlebt habt.

Elias: Bei mir war es ein Erlebnis während einer Feedbackrunde auf einem Workshop. Als sie Ihr Feedback gab und sich für den Workshop bedankte, war sie den „Dankbarkeitstränen“ sehr nah. Man hat richtig gemerkt, dass der Schülerin ein riesiger Stein vom Herzen gefallen ist, da nun endlich über das Thema gesprochen worden ist. Für uns hieß das, dass wir unser Ziel in diesem Workshop definitiv erreicht haben.

Max: Ich kann mich an ein Gespräch mit einer Schulleiterin erinnern, die auf den ersten Blick gar nicht begeistert von der Idee unseres Workshops schien. Sie hielt das Ganze für ein sehr schwieriges Thema, über das man einfach nicht offen sprechen kann. Für mich war genau dieser Punkt wichtig: Aus Angst vor einem Tabuthema wird darüber geschwiegen. Um dieses Tabu zu brechen, bin ich bei „Mind the Mind“ dabei. Nach dem Workshop war die Schulleiterin allerdings so begeistert, dass wir jedes Jahr wiederkommen dürfen. Sie wollte sogar die Materialen nochmal für sich zum Durchlesen haben.

 

Rebecca: Durch eure Erlebnisse wurde nun besonders deutlich, weshalb ihr euch so stark für das Projekt engagiert. Was macht euch daran besonders Spaß?

Elias: Das Halten von Workshops an sich macht schon viel Spaß, aber wenn man darüber hinaus noch dieses Interesse in Form von spannenden Diskussionen und diese Dankbarkeit erfährt, ist es umso schöner. Somit erreichen wir einerseits Schülerinnen und Schüler, die sich freuen, dass wir da sind und andererseits auch diejenigen Personen, die sich zuvor noch nie mit den Inhalten unseres Workshops beschäftigt haben. Zusammengefasst schaffen wir damit ein Bewusstsein für ein Thema, das in Schulen häufig zu kurz kommt.

Max: Für mich ist es besonders, dass wir diesen Rahmen herstellen können, in dem wir provokativ Stigmata ansprechen und diese im Laufe des Workshops lösen können. Psychische Erkrankungen sind kein Tabuthema.

 

Rebecca: Was konntet ihr bisher für euren weiteren Lebens-/Berufsweg mitnehmen?

Max: Definitiv die Arbeit als Local Coordinator. Wir koordinieren 50 Freiwillige, verschiedene Schulen und erhalten Kooperationen aufrecht. Nebenbei müssen wir aber auch immer wieder neue Schulen dazugewinnen, indem wir unser Projekt vorstellen.

Elias: Uns verbindet die Freude an dem Halten von Workshops und Trainings, was wir nach dem Studium definitiv fortführen wollen. Durch „Mind the Mind“ haben ich mitnehmen können, dass wir einen Beitrag für die Gesellschaft leisten. Nämlich, dass es endlich normaler wird, dass manche Personen eine psychische Erkrankung haben und dass die Person und ihre Erkrankung ernst genommen werden.

 

Für mehr Infos über das Projekt: https://www.efpsa.org/services/#social-impact-initiative

Bei Fragen wendet euch gern an: mindthemind-mainz@outlook.de

Autorin: Rebecca Woelke, Psychologiestudentin aus Mainz