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100 Euro für die (erfolgreiche) Bewerbung auf ein Psychologiestudium. Kann das fair sein?

22.12.2019

Ein Interview mit Frau Dr. Juliane Rutsch zu dem geplanten fachspezifischen Studieneignungstest für das Psychologiestudium in Baden-Württemberg

11.09.2019, Heidelberg

Zum Wintersemester 2020/2021 sollen an den Baden-Württembergischen Universitäten Heidelberg, Freiburg, Mannheim, Tübingen und Ulm ein Online-Self-Assessment (OSA) sowie ein fachspezifischer Studieneignungstest für die Bewerbung auf den Bachelor Psychologie eingesetzt werden. Während das OSA kostenfrei ist, wird die Teilnahme am Eignungstest voraussichtlich 100 Euro kosten. Für eine erfolgreiche Bewerbung ist das OSA teilweise verpflichtend, der Eignungstest hingegen nicht. Die Teilnahme am Eignungstest kann aber die Wahrscheinlichkeit, einen Studienplatz zu erhalten, erhöhen, sodass die Testteilnahme empfohlen wird. Im Interview einer Mitarbeiterin der Projektkoordination, Frau Dr. Juliane Rutsch, möchten wir erfahren: Ist das neue Verfahren gerecht?

 

Frau Dr. Juliane Rutsch hat bis 2014 an der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg Psychologie studiert und anschließend im Bereich der pädagogisch-psychologischen Diagnostik promoviert. Heute arbeitet Sie in der Abteilung für Pädagogische Psychologie an der Universität Heidelberg.

Als Mitarbeiterin der Projektkoordination des Projekts „Studierendenauswahl-Verbund Psychologie Baden-Württemberg“ begleitet Frau Dr. Rutsch unter anderem die Implementierung des neuen Studierendenauswahlverfahrens an den beteiligten Universitäten.

 

 

 

 

 

Der Test und das OSA bedeuten für die Universitäten und die BewerberInnen viel Mehraufwand. Manch eine(r) wird sich fragen: Muss das sein?

Frau Dr. Rutsch: Das ist eine legitime Frage. In Reaktion auf das Bundesverfassungsgerichtsurteil zur Studienplatzvergabe in der Medizin, in dem wesentliche Regelungen der aktuellen Praxis der Studierendenauswahl als verfassungswidrig erklärt wurden, soll auch für das Fach Psychologie in Baden-Württemberg eine Anpassung des Studierendenauswahlverfahrens erfolgen. Insbesondere soll es neben der Abiturdurchschnittsnote ein weiteres außerschulisches (Leistungs-)Kriterium zur Studienplatzvergabe geben. Das Ziel der Neukonzeption ist es also, die Studierendenauswahl für das Psychologiestudium gerechter zu gestalten.
 

Was verstehen Sie unter „gerecht“, wenn es um die Auswahl von Studierenden geht?

Frau Dr. Rutsch: Derzeit gibt es in Baden-Württemberg etwa 14 BewerberInnen pro Studienplatz im Fach Psychologie. Wir sind dementsprechend leider dazu gezwungen, eine Auswahl zu treffen und dabei die geeignetsten BewerberInnen auszuwählen. Wir wollen die Auswahl aber nicht allein über Unterschiede in der Abiturnote und ggf. berufliche Vorerfahrungen treffen. Stattdessen möchten wir auch Personengruppen, die durch die Abiturnote einen systematischen Nachteil haben, die Möglichkeit bieten, Psychologie zu studieren. Wir wissen beispielsweise, dass gleiche Abiturnoten, die aus verschiedenen Bundesländern stammen oder auf verschiedenen Schultypen erworben wurden, nicht dieselben Leistungen widerspiegeln. Das ist ungerecht. Auch haben Männer im Durchschnitt eine schlechtere Abiturnote als Frauen, obwohl ihre allgemeine kognitive Leistungsfähigkeit nicht schlechter ist.
 

Könnte es nicht sein, dass sich einfach mehr Frauen für ein Psychologiestudium interessieren?

Frau Dr. Rutsch: Das stimmt, ist aber eine Frage. In der Grundgesamtheit derer, die sich für ein Psychologie-Studium interessieren, sind Frauen in der Mehrheit.  Wir vermuten allerdings auch, dass mehr Männer als jetzt gern Psychologie studieren würden, sich aber gar nicht erst bewerben. Sie nehmen eventuell an, ohnehin keine Chance zu haben. Wir haben die Hoffnung, durch den Eignungstest Chancengleichheit und in diesem Sinne auch Geschlechtergleichheit herzustellen.
 

Nun ist es aber so, dass die Testteilnahme voraussichtlich 100 Euro kosten wird. Einige sozial schwächere Familien haben sicherlich Probleme, dieses Geld aufzubringen. Werden eben diese Familien durch den Test nicht sogar benachteiligt?

Frau Dr. Rutsch: Aus diesem Grund wollen wir die Möglichkeit schaffen, die Gebühr in bestimmten Fällen zu erlassen. Allerdings sind die Kriterien dafür noch unklar. Problematisch ist, dass das Kriterium überprüfbar sein muss. Bisher wurde aber schon über die Bafög-Kriterien und das Bruttoeinkommen der Eltern diskutiert. All diese Entwürfe haben Vor- und Nachteile. Wir sind uns aber sicher, die Kriterien bis zum Teststart festzusetzen. Es soll niemand am Test nicht teilnehmen können, weil er oder sie es sich finanziell nicht leisten kann. Eine Möglichkeit der Erstattung wird es also sicher geben (Informationen hierzu finden Sie unter www.stav-psych.de).
 

Und wie begründet sich der Preis von 100 Euro pro Person?

Frau Dr. Rutsch: Der Preis ergibt sich aus mehreren Faktoren. Wir brauchen beispielsweise Personen, die den Test entwickeln, beaufsichtigen, auswerten, die sich um den Datenschutz kümmern, das Online-Portal und die Homepage betreuen oder die Finanzen betreuen. Insgesamt ist es sehr aufwendig, einen wissenschaftlich fundierten Test zu konstruieren und bei der Durchführung die Gleichheit der Bedingungen zu garantieren. Und das alles kostet im Endeffekt natürlich auch Geld.
 

Andere Teile des Bewerbungsprozesses sind sicherlich auch teuer, für den Bewerber aber kostenfrei. Warum muss beim Eignungstest am Ende die/der BewerberIn zahlen?

Frau Dr. Rutsch: Uns wäre es auch lieber, wenn die Teilnahme aus öffentlichen Geldern finanziert würde. Für die Hochschule ist aber auch nur ein begrenzter Etat vorgesehen, aus dem neben dem Bewerbungsprozess die Forschung und Lehre finanziert werden müssen. Da die Grundausstattung der Universitäten seit vielen Jahren gleich geblieben ist, können sie solche neuen Ausgaben nicht auch noch schultern. Es sollte sich aber niemand durch 100 Euro vom Studium abhalten lassen. Wichtig ist jedoch, dass sich die Studieninteressierten umfassend über das Psychologie-Studium informieren, damit sie wissen, dass das wirklich das Richtige für sie ist. Dazu dient z. B. das Online-Self-Assessment.
 

Die BewerberInnen der Baden-Württembergischen Universitäten kommen nicht nur aus der direkten Umgebung, sondern bewerben sich aus ganz Deutschland. Besonders auf BewerberInnen aus dem Norden oder Osten Deutschlands kämen dann zusätzlich Reise- und sogar Übernachtungskosten zu. Ist das nicht ungerecht?

Frau Dr. Rutsch: Das ist ein Problem der Anfangszeit, das sich schon bald nicht mehr stellt. Wir gehen davon aus, dass sich sehr schnell bundesweit Universitäten anschließen werden. Schon bald könnte es dann bundesweit einen einheitlichen Test geben. Wenn man langfristig mehr Gerechtigkeit will, muss man irgendwann und irgendwo damit beginnen.
 

Wie wird sichergestellt, dass BewerberInnen, beispielsweise der Universitäten Mannheim, Berlin, Köln, Kiel und München, in Zukunft nicht 500 Euro für verschiedene Eignungstests zahlen müssen?

Frau Dr. Rutsch: Eine derartige Situation soll natürlich vermieden werden. Das Hochschulzulassungsgesetz in Baden-Württemberg legt 100€ als maximale Gebühr für die Teilnahme an einem Auswahlverfahren fest. Im Gesetz ist ebenfalls festgelegt, dass BewerberInnen, die sich für mehrere Studiengänge bewerben, z. B. Psychologie und Medizin insgesamt nicht mehr als 250€ bezahlen müssen. 
 

Für den Medizinertest gibt es mittlerweile teure Vorbereitungskurse. Sehen Sie diese Entwicklung in Zukunft auch für die Psychologie und wie stellen Sie sicher, dass dadurch keine Informationsvorteile durch finanzielle Vorteile entstehen?

Frau Dr. Rutsch: Das ist tatsächlich eine sehr unschöne Entwicklung, der wir mit möglichst großer Transparenz und einer Vielzahl verfügbarer Informationen entgegenwirken möchten. Wir werden Übungsmaterial frei verfügbar machen und so einer Testvorbereitungsindustrie die Grundlage entziehen. Außerdem werden wir einen sehr strengen Testschutz betreiben. Wir möchten also durch strenge Bedingungen während der Testdurchführung verhindern, dass Teile des Tests „geklaut“ und dann vielleicht sogar verkauft werden.
 

Was passiert, wenn ich am Test teilgenommen habe und dennoch keinen Studienplatz erhalte? Ist dann mein Traum vom Psychologiestudium vorbei oder darf ich noch einmal teilnehmen?

Frau Dr. Rutsch: Bislang bewerben Sie sich mit dem Abiturzeugnis. In Zukunft wird es zwei oder mehr Kriterien geben, so dass die Zulassung nicht mehr nur von einer Größe abhängt. Sie bekommen durch den Test eine zweite Chancen. Im Sinne der Testfairness ist es wichtig, dass die Testteilnahme nur einmal möglich ist. Sonst wäre es nämlich wirklich eine Frage der Brieftasche, wie weit man sein Testergebnis optimieren kann durch mehrfache Teilnahme.
 

Der Test ist offiziell zwar freiwillig für die Bewerbung auf einen Studienplatz. Aber handelt es sich dabei nicht um eine scheinbare Freiwilligkeit? Kann ich, ohne den Test zu absolvieren, überhaupt einen Platz an einer gefragten Universität, wie zum Beispiel der Universität Heidelberg, bekommen?

Frau Dr. Rutsch: Ob das möglich ist, hängt letztendlich von der Gewichtung des Tests an der jeweiligen Universität ab. Hier an der Universität Heidelberg wird der Test relativ stark ins Gewicht fallen. Bisher lag der Numerus clausus an der Universität Heidelberg bei 1,0. Jemand mit einem Abitur von 1,0 muss vermutlich auch weiterhin nicht um den Studienplatz Platz bangen. Personen im mittleren Einserbereich könnten jetzt aber auch die Chance auf einen Platz erhalten.
 

Können Sie für die Schülerperspektive verständlich schildern, wie Sie sicherstellen, dass der Test funktioniert?

Frau Dr. Rutsch: Unser Test wird an den derzeitigen Studierenden erprobt. Dabei erfassen wir die Studienleistung der Teilnehmenden. So erhalten wir eine Momentaufnahme davon, wie die Testleistung mit der Studienleistung im Zusammenhang steht. Wir können also überprüfen, ob Personen, die im Test besser abschneiden, auch die leistungsstärkeren Studierenden sind und ob die Testleistung die Studienleistungen über die Abiturnote hinaus vorhersagt. Sobald wir mehr Daten erhoben haben, werden wir auch erwägen, andere Kriterien, wie zum Beispiel das Kriterium „Berufserfolg“, mit zu beachten. Letzteres benötigt aber viel Zeit und ist äußerst aufwendig. Daher bleibt es zunächst beim Kriterium Studienerfolg.
 

Denken Sie insgesamt, dass das neue Verfahren gerecht ist?

Frau Dr. Rutsch: Das neue Verfahren wird in jedem Fall deutlich gerechter werden als das jetzige. Das Abitur ist ein wichtiges Kriterium, führt jedoch partiell zu ungerechten Zulassungsentscheidungen, was durch den Test ausgeglichen werden kann. Wir werden kritisch untersuchen, ob wir die Gerechtigkeitsziele erreichen und welche Kosten damit verbunden sind. Dabei ist es wichtig, die Perspektive derer, die sonst keinen Studienplatz bekommen hätten, einzunehmen. Wer durch den Test erst in die Lage gelangt, Psychologie studieren zu können, ist vermutlich sehr froh über die Möglichkeit.
 

Angenommen, ein(e) SchülerIn fragt Sie, was die optimale Vorbereitung auf den Test ist. Was antworten Sie?

Frau Dr. Rutsch: Man sollte in Ruhe das OSA machen und dann entscheiden: Möchte ich überhaupt Psychologie studieren und warum möchte ich Psychologie studieren? Die Gelegenheit sollte man auch nutzen, um sich die Testaufgaben genau anzuschauen und ein Feedback zur Bearbeitung zu erhalten. Wenn man denkt, dass Psychologie das richtige Studienfach ist, sollte man sich mit den frei verfügbaren Materialien auf den Test vorbereiten. Für Fragen wird es während der Anmeldephase für den Test auch ein Infotelefon geben. So können wir auf individuelle Fragen eingehen. Dann kann man gut vorbereitet den Test schreiben. Die Durchführung ist hoch standardisiert, um eine Vergleichbarkeit der Testsituation zwischen den verschiedenen Erhebungsstandorten zu gewährleisten. In dieser Situation ist es wichtig, optimistisch in die Prüfungssituation zu gehen und die Ruhe zu bewahren. Dazu hilft es, die Testsituation mit den verfügbaren Testmaterialien vorher simuliert zu haben, etwa mit Freunden oder der Familie.

 

Autoren: Jan Killisch, Dominic Röhrig