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Weltflüchtlingstag: Flüchtlinge auf der ganzen Welt – ein Weltproblem... lösbar?

   16.06.2021

Elisabeth Götzinger

Ich war ein kleines Kind als ich in meinem fränkischen Heimatdorf von „Flüchtlingen“ hörte, „Deutsche, die aus dem Osten angekommen“ waren. Es klang nicht positiv, sondern abwehrend: „Wo wir doch gar keinen Platz haben und keine Arbeit…“ Meine Eltern freundeten sich mit so „einem“ gleichaltrigen Paar an und sie genossen ihr Leben. Gemeinsam war, dass sie Krieg und Vertreibung überlebt hatten. Das Sprechen von „Tante Maria“ und „Onkel Helmut“ klang anders als unser schwäbisch-alemannischer Dialekt. Ihr Sohn übernahm den unseren. Die Eltern wurden schließlich als erfolgreiche Tankstellenbetreiber im Dorf akzeptiert. Sie hatten sich integriert.

Eine Kollegin berichtete vor wenigen Jahren aus ihrer Kindheit, dass sie sich als ein solches Flüchtlingskind stigmatisiert gefühlt hatte. Sie hatte, immer besonders gute Noten angestrebt, um von diesem empfundenen Makel abzulenken, wie sie sagte.

Während meiner klinisch-psychologischen Berufstätigkeit in einem Sozialpädiatrischen Zentrum untersuchte ich in den 1980igern im multiprofessionalen Team deutschstämmige Eltern mit Kindern mit meist schweren Behinderungen aus Sowjetstaaten nach Deutschland ausreisen durften. Sie hätten nicht fliehen können. Sie „durften“ wegziehen, hatten aber vorher viele Nachteile zu erleiden und waren stigmatisiert. Wir behandelten die Kinder, berieten und behandelten die Eltern.

In den 1990igern, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion hoffte ich kurzzeitig, dass jetzt der Frieden in der Welt kommt. Aber nein, es kamen vermehrt Bürger- und Religionskriege mit Tod, Vernichtung, Verfolgung, Stigmatisierung und Rassismus. Die Medien berichteten davon aus der ganzen Welt und aus der ganzen Welt von Flüchtlingsströmen innerhalb der Länder, über Kontinente hinweg und die ganze Welt.

Zum Weltflüchtlingstag am 20. Juni fällt mir nicht nur unsere jüngere Vergangenheit, z.B. seit 2015, ein.

Menschen sind offenbar immer geflohen, vor Kälte, vor Hunger, vor Kriegen oder Armut. Den Ostgoten z. B. war es in ihrer Heimat zu kalt und das Überleben mühevoll (wurde mir in der Rentner-Uni 50+ bewusst). Sie kamen nach Italien und assimilierten sich, leider nicht ohne vorhergehendes Blutvergießen und Zerstörung von den eroberten, besiegten Kulturgütern: Die Völkerwanderung und ihre Auswirkung auf Europa, lautete der Titel. Assimilation wird keinesfalls angestrebt, sondern Inklusion, eine gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft, in der die Geflohenen ankommen.

Auf den Weg zu diesem Ziel müssen sich nicht nur die Geflüchteten machen, sondern auch die Menschen der aufnehmenden Länder. Auf der fachlich-psychologischen Ebene schulen Mitglieder des Präsidiums-Arbeitskreises Inklusion/Integration in ihrer Berufstätigkeit Betriebe in Diversity-Management-Kursen und sensibilisieren für die Vielfalt, die z. B. Flüchtlinge und Menschen mit Migrationshintergrund einbringen. Der BDP-Fachreferent berät geflohene Kolleg:innen bezüglich der Äquivalenz-Anerkennung ihrer Psychologie-Studienabschlüsse, damit sie in ihrem Beruf in Deutschland tätig werden können. In vergangenen Krisenmonaten der sehr hohen Flüchtlingsaufnahmen in unser Land haben viele Kolleg:innen eine Zeitlang ehrenamtliche, niedrigschwellige Beratung sowie Kurzzeittherapie angeboten: Ein Kollege führte EMDR durch, damit traumatisierte sich Flüchtlinge auf die Überfahrt nach Skandinavien wagten. Er begleitete eine Flüchtlingsfamilie persönlich auf der Überfahrt nach Dänemark und kehrte mit demselben Schiff wieder nach Deutschland zurück, als die Familie an Land gegangen war.

Dieser AK Inklusion/Integration führt seit zehn Jahren Fortbildungsveranstaltungen durch, um Kolleg:innen für die Situation von Flüchtlingen zu sensibilisieren und, um ihre Situation erleichtern zu helfen, z. B. auch einen speziellen Informations- und Beratungsabend für eingewanderte/ geflohene Psycholog:innen und Psychotherapeut:innen. Dennoch fokussiert der AK nicht nur die Inklusion von Menschen mit Fluchtgeschichte. Auch eine Präsidiumsbeauftragte für Menschenrechte unterstützt den Verband und die Verbandsspitze.

Der Berufsverband kommt damit seinem Anspruch nach, psychologische Kenntnisse und Wissen seiner Mitglieder für Wohl und Würde von Menschen einzusetzen.

Elisabeth Götzinger
Sprecherin des BDP-Präsidiums-AK Inklusion/ Integration