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Corona: Weihnachten ohne Konflikte feiern

   08.12.2020

Foto: Toa Heftiba/Unsplash

Im Interview mit dem BDP berichtet die Psychologin Christine Backhaus, wie Paare – trotz der Corona-Pandemie – Weihnachten möglichst konfliktfrei durchstehen, bzw. mit welchen Techniken ein aufkeimender Streit geklärt werden kann.

 

Louisa Tomayer: Die Feiertage in diesem Jahr sind sicher noch einmal besonders. Aber welche Konflikte sind denn „normal“ an Weihnachten?

Christine Backhaus: Weihnachten ist wie ein Brennglas: Alle Konflikte, die bereits bisher bestanden, drohen sich noch einmal zu verdichten. Die Vorweihnachtszeit ist voll von Verpflichtungen und Events… Geschenke besorgen, Plätzchen backen. Heutzutage gehen in den meisten Familien beide Elternteile arbeiten und so kommt es in der Vorweihnachtszeit zu einer Mehrfachbelastung kommen.

Bei den Familienfeiern kommen dazu noch alte Konflikte wieder hoch: Wer ist das Lieblingskind? Wer wird eingeladen und wer nicht? Wer bekommt das größte Geschenk? Wer fällt wieder aus der Rolle? Verwandte, die sich im Vorfeld aus dem Weg gegangen sind, können das an Weihnachten nicht so gut – es wird erwartet, dass alle zusammen am Tisch sitzen, Gans essen und gute Miene zum bösen Spiel machen. Wenn dann noch irgendetwas nicht wie geplant läuft, ist der Konflikt schnell vorprogrammiert.

 

Glauben Sie, dass es in diesem Jahr zu denselben Streitigkeiten kommt?

Christine Backhaus: Ja und nein, denn die Menschen gehen ja gerade ganz unterschiedlich mit der Situation um. Zum einen haben wir diejenigen, die die Situation komplett ausblenden: Gefühle kompensieren oder vermeiden, die sich nichts anmerken lassen und die, die Luft anhalten. Dann gibt es die, die bis Weihnachten funktionieren und ihren Verpflichtungen nachgehen müssen – ohne groß darüber nachzudenken. Diese fallen dann aber durch den veränderten Rhythmus aus ihrem Trott. Plötzlich ist die Verwandtschaft zu Besuch und Ablenkungen wie die Kollegen und die restlichen Freizeitaktivitäten fallen auch noch weg. Andere wiederum gehen bereits gestresst in die Feiertage… die einen sind innerlich erschöpft und verunsichert – jede neue Nachricht zu Corona schreckt sie noch auf.

Gerade diejenigen, die besonders auf die Feiertage hinarbeiten, sind in diesem Jahr möglicherweise doppelt enttäuscht, wenn der Partner oder die Partnerin nicht bei den Vorbereitungen mithilft oder die nicht den Zuspruch und Trost gibt.

 

Aber sicherlich gibt es auch positive Aspekte…?

Christine Backhaus: Natürlich, denn die Feiertage bieten eine gute Möglichkeit, innezuhalten und Momente der Reflektion und Wertschätzung zu erleben. Gerade in diesem Jahr kann die veränderte Situation dazu führen, dass wir etwas Neues kennenlernen, dass wir über unsere Situation nachdenken, Freude stärker teilen und uns ins Gegenüber mehr einfühlen. Wir können uns jetzt die Zeit nehmen, mit dem Partner bestimmte Themen anzusprechen.

 

Aufgrund der Maßnahmen zur Pandemie-Prävention wollen viele das Weihnachtsfest im kleinen Kreis oder ganz ohne (Groß-)Eltern feiern. Könnte dies für viele Paare auch eine Chance sein?

Christine Backhaus: Das hängt zum einen natürlich vom Stresspegel der Vorweihnachtszeit ab, aber auch wie das Level an Zugewandtheit, Zweisamkeit und guter Kommunikation ist. Es kann eine schöne neue Erfahrung sein. Es kann aber auch sein, dass das was ich in den Vorjahren immer verteufelt habe, doch ganz nett ist. Insofern haben wir in diesem Jahr die Möglichkeit, einen Vergleich herzustellen und uns im kommenden Jahr bewusster für oder gegen etwas zu entscheiden – z. B. nur in der kleinen Familie feiern, mit oder ohne Besuche oder mit sehr viel „Rummel“.

 

Was für Themen kommen auf Paare während der Feiertage in dieser Ausnahmesituation zu?

Christine Backhaus: In den Feiertagen wird in einer Partnerschaft sehr viel emotionales Management gefragt sein – wenn Traurigkeit, Einsamkeit oder Angst hochkommen. Viele Menschen haben hier Strategien gelernt, mit diesen Themen umzugehen, viele aber eben auch nicht. Aber dafür sind wir Psychologinnen und Psychologen ja da, um in diesem Fall auszuhelfen.

 

Wenn es dann doch während der Feiertage zu einem Streit kommt – welche Strategien empfehlen Sie?

Christine Backhaus: Zuallererst würde ich empfehlen, dass wir alle etwas großzügiger mit uns sind in diesem Jahr – mit den Ansprüchen an uns selbst, aber auch ans Umfeld. Ansonsten rate ich jedem erst einmal innezuhalten und rational festzustellen, was ist denn überhaupt passiert? Ist mein Gefühl passend zur Situation, in der mein Partner oder meine Partnerin etwas (nicht) gemacht hat. Bin ich zu gekränkt, zu enttäuscht? Solche Fragen kann man sich spielerisch auch auf Karten schreiben. Generell sollte man sich im Vorhinein auf einen möglichen Konfliktfall vorbereiten. Denn: Sobald die ersten lauten Worte gefallen sind, fällt es schwer sich auf solche Dinge zu besinnen.

 

Welche Möglichkeiten zur Vorbereitung gibt es da?

Christine Backhaus: Meine Lieblingsübung ist die Joker-Karte: Wenn die Luft dicker wird, kann diese gezogen werden. Dann gibt es eine Stunde Sendepause und der andere Partner ist z. B. für eine Stunde für die Kinder zuständig, während man selbst einen Spaziergang macht oder ein Buch liest, um sich aus dem Weg zu gehen und „abzukühlen“. Der genaue Ablauf sollte natürlich in ruhigen Zeiten besprochen werden. Wichtig ist es, nicht lange zu schmollen, sondern zu vereinbaren, dass man sich spätestens abends wieder verträgt und am besten jeder ein Angebot zum Vertragen macht. Wenn es etwas gibt, worüber sich ausgesprochen werden muss, dann am besten einen genauen Termin dafür ausmachen, um in Ruhe darüber zu sprechen. Ganz wichtig ist es auch, für Rückzugsorte in der Wohnung zu sorgen, einen kleinen Bereich fürs „ich“.

Insgesamt ist es wichtig, sich aufzuteilen, wer welche Aufgaben erledigt, sodass eine Grundstruktur für die Feiertage steht: Wer geht einkaufen? Wer schmückt den Baum? Dass die Dinge, über die man sich sonst streitet, halbwegs geregelt sind. Dabei können auch die Rituale noch einmal auf den Prüfstand gesetzt werden.

 

Inwiefern?

Christine Backhaus: Zum Beispiel, indem man Weihnachten mal nicht zu zweit verbringt. Dies kann eine neue Erfahrung sein, sollte aber ebenfalls vorher verhandelt werden. Im Nachhinein weiß ich dann, dass ich das Beisammensein an Weihnachten genieße oder ich trenne mich von den Gewohnheiten und sage ‚nie mehr Weihnachten mit zwanzig Leuten‘. Wichtig ist es, mit dem anderen zu besprechen unter welchen Bedingungen man sich in diesem Jahr separiert – und gleichzeitig schöne Dinge in der Zukunft oder virtuelle Begegnungen plant. Und noch genauer aufeinander zu achten, wenn sich jemand allzu sehr separiert. In diesem Fall hilft es, Gespräche anzubieten oder auch spontane Besuche einzuplanen – gern auch etwas großzügiger sein, wenn der- oder diejenige vorher abgesagt hat, auch da etwas milde sein, integrierend handeln aber auch unsere eigenen Grenzen gut wahren.

Ich glaube, in diesem Jahr kann etwas Neues entstehen oder Altes bekommt wieder Raum, das Glück im Kleinen, dankbar sein für das was ist. Auch das ist eine schöne Übung: Was ist gerade da? Blick auf die Fülle statt auf den Mangel. Das fällt uns allen momentan nicht so leicht, dafür benötigen wir einen langen Atem.

 

Vielen Dank fürs Gespräch.