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Noch Luft nach oben – Autismus-Diagnostik in der Psychologie

   30.11.2020

Marlies Hübner ist Autorin, Aktivistin und Autistin. Mit dem BDP sprach sie darübMarlies Hübner (Foto: Mascha Seitz)er, wie sie als Betroffene das derzeitige psychologische Angebot für Autist*innen einschätzt und an welchen Stellen ihrer Ansicht nach noch Verbesserungsbedarf besteht. Das Interview reiht sich ein in eine Reihe von Veröffentlichungen und Veranstaltungen zu „Heterogenität verbindet“, dem diesjährigen Leitthema des BDP.

 

Louisa Tomayer: Wie beurteilen Sie das derzeitige psychologische/psychotherapeutische Angebot für Autist*innen?

Marlies Hübner: Ich nehme es als sehr mangelhaft wahr. Bei der Suche nach psychologischer und psychotherapeutischer Hilfe gibt es sehr viele Hürden für autistische Menschen. Viele von uns haben das Bedürfnis, bereits bei der ersten Kontaktaufnahme ihren Autismus anzusprechen, um negative Erfahrungen zu vermeiden, werden dann aber aus eben diesem Grund abgelehnt. Immer wieder berichten autistische Personen davon, aufgrund mangelnden Wissens oder mangelnder Spezialisierung von Fachpersonen abgelehnt zu werden. Dabei birgt eine psychologische oder psychotherapeutische Behandlung doch die Chance, den autistischen Menschen mit seinem Sein und seiner Wahrnehmung kennen zu lernen und zu verstehen. 

 

Wie können Psycholog*innen und Psychotherapeut*innen ihre Praxen oder Büros, Webseiten, Therapie oder Beratungsangebot für Autist*innen barrierefreier gestalten?

Marlies Hübner: Barrierefreiheit ist eine aufgrund der Vielfalt der Behinderungen nicht erreichbare Utopie, die wir aber trotzdem anstreben sollten. Sie ist weit mehr als eine Rampe an Treppen. Für Autist*innen bedeutet der Abbau von Barrieren zum Beispiel eine Alternative zur telefonischen Kontaktaufnahme nutzen zu können. Auch Hilfsangebote, zum Beispiel von Krankenkassen oder Autismuskompetenzzentren und -diagnosezentren, die bei der Suche nach einem Therapeuten oder einer Therapeutin unterstützen, wären sinnvoll. Diese Suche ist bereits für nichtautistische Menschen sehr schwer und oft unverständlich. Für Autist*innen kann sie sich als nicht schaffbar erweisen. 

Webseiten wie therapie.de bieten schon einen guten Ansatz, die tatsächliche Kontaktaufnahme findet aber auch dort größtenteils über das Telefon statt. Angaben wie “Wartezeit 3 Monate” können für autistischen Menschen ebenfalls schwer verständlich sein. Ihnen wird damit nicht gesagt, ob sie sich trotzdem melden dürfen.

Sollte es dann zu einer Probestunde kommen, ist es sehr hilfreich, wenn man schon vorab über den Ablauf einer Therapiestunde Bescheid weiß. Eventuell stellt die Praxis Informationsmaterialien per Mail zur Verfügung, aus denen hervorgeht, wie die ersten Stunden gestaltet sind und was von dem Klienten oder der Klientin erwartet wird. Auch die Möglichkeit, die Praxisräume auf Bildern zu sehen, kann Ängste nehmen. Vorab zu vereinbaren, dass man sich nicht die Hände schüttelt, die Vorhänge zugezogen sind und Umgebungsgeräusche wie ein Radio im Warteraum abgeschaltet werden können wäre eine Möglichkeit, Barrieren abzubauen. Je mehr Informationen die autistische Person hat, desto besser kann sie sich vorbereiten und auf neue Situationen einstellen. 

 

Im Psychologiestudium kommt Autismus zwar thematisch vor, jedoch bilden sich die meisten Psycholog*innen eher im Anschluss noch einmal dazu weiter. Wie beurteilen Sie die Weiterbildungsmöglichkeiten? Gibt es bereits gute Standards? Wo gibt es Ihrer Meinung nach Nachholbedarf?

Marlies Hübner: Weiterbildungsmöglichkeiten werden meines Wissens nach weder im Psychologiestudium, noch in der Therapieweiterbildung empfohlen. Die Weiterbildung im Bereich Autismus erfolgt also größtenteils aus eigener Motivation. Autismus kommt bei 1 von 100 Personen vor und weist überdurchschnittlich oft Komorbiditäten wie beispielsweise Depressionen, Angststörungen, Essstörungen und Zwangserkrankungen auf, zeigt also eindeutig Behandlungsbedarf. Man könnte daher meinen, diese Neurodiversität stünde mehr im Fokus der Aus- und Weiterbildung.

 

In der Vergangenheit wurden viele Mädchen und Frauen nicht diagnostiziert. Gibt es Ihrer Meinung nach bereits Fortschritte bei der Definition von Diagnosekriterien? 

Marlies Hübner: Soweit es mir bekannt ist gibt es keine Fortschritte bei der Definition der Diagnosekriterien. Sowohl bei der Exploration und Verhaltensbeobachtung, als auch bei der Wahl der standardisierten Tests wie ADOS und ADI-R richtet man sich weiter nach Kriterien, die an Jungen und Männern orientiert sind. 

 

Welche politischen Forderungen/Anliegen von Autist*innen sollte der BDP Ihrer Meinung nach unterstützen?

Marlies Hübner: Autist*innen fordern einen weniger defizitorientierten Blick auf ihr Sein und ihre Kondition. Sie wünschen sich lebenspraktischere Unterstützung statt anpassender, ihre Art verschleiernder Therapien wie ABA und andere behavioristische Ansätze. Sie möchten auch in Fragen der psychischen Gesundheit ein Ende ihrer bisherigen medizinischen Unterversorgung, die sich aus Kommunikationsschwierigkeiten sowohl auf autistischer, als auch auf medizinischer Seite ergibt. In diesen Themen Unterstützung zu finden, wäre wertvoll.

 

Informationen rund um das Thema Autismus finden Sie unter https://autismus-kultur.de/