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BDP: Im Gespräch

   05.11.2020

Terrorbedrohung: Was es mit uns macht? Was die Täter wollen? Was wir dagegen tun können?

BDP-Präsidentin Dr. Meltem Avci-Werning und Prof. Dr. Ulrich Wagner sprachen miteinander über extremistische Gewalt und die Möglichkeiten der präventiven Terrorbekämpfung durch psychologische Intervention.

 

Dr. Meltem Avci-Werning: Die Morde an einem Touristen in Dresden und an einem Lehrer in Paris gingen durch die Presse. In diesen Tagen mussten wir ein weiteres schreckliches Attentat in Wien erleben. Sie sind Teil der laufend registrierten, aber bislang weniger beachteten Fälle von extremistischer Gewalt durch Islamisten, Rechtsextreme aber auch – mit deutlich geringerer Häufigkeit – linksextremer Gewalttäter. Ziele sind, wie in Dresden, Paris und Wien die einheimische Bevölkerung, ethnische Minderheiten und Menschen mit Migrationshintergrund. Auch Menschen jüdischen Glaubens sind besonders bedroht.

 

Prof. Dr. Ulrich Wagner: Terror macht Angst. Terror erscheint besonders bedrohlich, weil er zeitlich und örtlich so unvorhersehbar ist, die Auswahl der konkreten Zielpersonen oft beliebig erscheint und die Motive der Täter (es sind in der überwiegenden Zahl Männer) so wenig nachvollziehbar sind. Terror erzeugt bei potentiellen Opfern Gefühle von Kontrollverlust und beeinträchtigt damit erheblich das psychische Wohlbefinden.

Die Verängstigung der Bevölkerung ist genau das, was Terroristen erreichen wollen. Selten sind die Personen, die zum Opfer werden, selbst das eigentliche oder einzige Ziel von Terrorattacken. Die Gewalt soll vielmehr ein Zeichen setzen an die Zielgruppe – Einwanderer*innen, ethnische Minderheiten, Menschen muslimischen, jüdischen oder christlichen Glaubens –, und über deren Verängstigung helfen, die Ziele der Täter umzusetzen. Die Gewalt ist darüber hinaus auch ein Signal an Mitläufer: Sie ist eine Vorbildhandlung, die Nachahmer*innen nach sich ziehen und die terroristische Gemeinde enger zusammenschweißen soll.

 

Dr. Meltem Avci-Werning: Psycholog*innen und Psychotherapeut*innen können helfen, massive Beeinträchtigungen der Lebensqualität in Folge von Terrorangst zu reduzieren. Da gibt es Konzepte und Ansätze. Aber das reicht natürlich nicht. Es gilt vor allem, die Ursache der Bedrohung in den Griff zu bekommen. Staatliche Reaktionen auf Terror bestehen üblicherweise in Repression.

 

Prof. Dr. Ulrich Wagner: Das ist richtig, funktioniert aber oft nicht, weil die üblichen Bestrafungsmechanismen bei vielen Tätern nicht wirken: Einem Selbstmordattentäter*innen mit Gefängnis zu drohen, ist wenig abschreckend. Eine effektive Reduktion terroristischer Gewalt braucht Prävention. Die wiederum setzt die Kenntnis der Ursachen der Entstehung von Terror voraus.

 

Dr. Meltem Avci-Werning: Psychologische Forschung hat einiges über die Wege in eine gewalttätige terroristische Karriere aufgedeckt: Die Gewalttäter sind ganz überwiegend männlich. Täterschaft, gleichgültig ob rechtsextrem oder islamistisch, beginnt oft mit einer Lebenskrise, bei der die späteren Täter eigentlich Unterstützung in ihrem Lebensumfeld suchen. Wenn eine solche Unterstützung fehlt, wird diese Lücke durch extremistische Gruppen gefüllt. Diese offerieren häufig Zuwendung und Anerkennung. Darüber erkennen die psychisch oft labilen Personen, Sinn in ihrem Handeln.

 

Prof. Dr. Ulrich Wagner: Darüber hinaus liefern sie den ideologischen Hintergrund, der hilft, die eigene kritische Lebenssituation zu erklären und dabei „den Anderen“ die Schuld für die Krise zu geben. Auch das erzeugt mehr Sinn und der Wunsch an dieser Stelle einem großen Ganzen zu dienen erwächst. Dies gelingt umso besser, je stärker Extremisten auf Erzählungen von den eigenen Ausgrenzungsmechanismen und Benachteiligung zurückgreifen können, je stärker sie sich beispielsweise durch Vorurteile und Diskriminierung von der Mehrheitsgesellschaft oder den Regierenden ausgegrenzt sehen. Der weitere Weg zur Gewalt ist gekennzeichnet durch Rückzug und zunehmende Isolierung vom Rest der Gesellschaft, begleitet von der Entwicklung und Ausarbeitung von Feindbildern bis hin zur Dehumanisierung der späteren Opfer. Dabei kann die beschriebene Sozialisation in realem Kontakt mit extremistischen Gruppen stattfinden, nicht selten radikalisieren sich spätere Täter aber auch über das Internet und die dort gebotenen Informationen und vermeintlichen Zugehörigkeitsangebote.

 

Dr. Meltem Avci-Werning: Ja, und genau diese Kenntnisse über Mechanismen der Radikalisierung bieten Möglichkeiten der effektiven Prävention durch angemessenes politisches Handeln und psychologische Hilfsangebote. Eine wesentliche Komponente, die den Einstieg in eine terroristische Karriere treibt, ist das Gefühl der Benachteiligung für die eigene Bezugsgruppe und die Überzeugung, daran mit demokratischen Mitteln nichts ändern zu können. Die Bezugsgruppe kann sich ethnisch definieren, religiös oder auch durch andere Formen der Weltanschauung. Notwendig ist damit eine Politik, die Integrations- und Teilnahmeangebote für alle schafft.

Es geht also um echte Chancengleichheit. Eine wesentliche Stellschraube könnte dabei das öffentliche Bildungssystem – also unsere Schulen – sein, welches, wie die internationalen Vergleichsstudien durchgängig zeigen, davon aber sehr weit entfernt ist: Es benachteiligt systematisch Menschen mit Migrationshintergrund und Schüler*innen aus der Unterschicht. Wenn wir Terrorismus bekämpfen wollen, bedeutet das auch die massive finanzielle und intellektuelle Investition in das Schulsystem und die Ausweitung seiner pädagogischen Aufgaben. Darüber hinaus müssen Schule mit einem Unterstützungssystem ausgestattet sein, dass personell so ausgestattet ist, dass konzeptuelles Arbeiten möglich wird und nicht nur als ´Tropfen auf dem heißen Stein´ wahrgenommen werden.

 

Prof. Dr. Ulrich Wagner: Ein weiterer wichtiger Schritt zu einer erfolgreichen präventiven Terrorbekämpfung ist die Entwicklung zuverlässiger Diagnoseinstrumente zur Früherkennung. Das Durchleben von Krisen ist für die psychische Entwicklung von Menschen normal, oft sogar förderlich, und manchmal braucht es dabei auch professionelle psychologische Hilfe. Im Zusammenhang mit Terrorprävention ist es notwendig, diejenigen ermitteln zu können, die in der Gefahr stehen, mit der individuellen Krise in eine terroristische Karriere zu laufen. Das macht den Einsatz valider psychologischer Diagnosekompetenz und -instrumente notwendig. Die von uns beschriebenen typischen Schritte der Entwicklung hin zum Terrorismus können Anhaltspunkte für die Ermittlung relevanter Gefährdungskriterien sein.

Auf Basis einer validen Diagnose sind dann gezielt professionelle psychologische und pädagogische Unterstützungsmaßnahmen möglich, die den Betroffenen Offerten zur Sinnstiftung und zur Einbindung und Partizipation bieten – und damit Terrorismus zu verhindern helfen. Dazu gehört der Einsatz angemessener, u.U. kulturangepasster effektiver primärer Interventionsmaßnahmen. Diese sind weiter zu entwickeln, ggf. kulturspezifisch anzupassen und natürlich - ebenso wie die bekannten Aussteigerprogramme für "Fortgeschrittene" – auf ihre Effektivität zu überprüfen.

 

Dr. Meltem Avci-Werning: Eine Einbindung in Peergroups fern von gewalttägigen Gruppen und schulischer Erfolg ermöglichen ein Gefühl von Dazugehören und nicht zuletzt eine Eingebundenheit in einen gemeinschaftlichen Sinn. Terrorismus kann präventiv verhindert werden, wenn diese Personen das Gefühl haben, ein wichtiger Teil der Gesellschaft sowie ihrer Peergroups sind und wichtige sie stützende Beziehungen haben. Auch das Gefühl zu haben die eigenen Chancen zur gesellschaftlichen Partizipation selbst in die Hand nehmen können, kann stützend und stabilisierend wirken.