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BDP Expert Talk - Neue Diskussionsreihe bringt BDP-Mitglieder zusammen, denn „Heterogenität verbindet“

   19.10.2020

Christin Schörk, Referentin für Berufspolitik

Mit dem „BDP Expert Talk“ hat der Berufsverband eine neue virtuelle Veranstaltungsreihe etabliert, die sich in 2020 dem aktuellen Leitthema des BDP widmet: „Heterogenität verbindet“. Die als Podiumsdiskussion per Videokonferenz konzipierte Veranstaltung bringt psychologische Expertise zu gesellschaftspolitisch relevanten Themen zusammen, um fachlichen Austausch zu generieren, Wandel zu begleiten und Perspektiven zu verändern. Für BDP-Mitglieder bietet sich damit die Gelegenheit, in intensiven Diskussionen die Bedeutung der Psychologie bei der Bewältigung gesellschaftlicher Herausforderungen zu reflektieren, das eigene fachliche Wissen auszubauen und Synergien für professionelles Handeln zu schaffen.

Auch den für die nachfolgenden Jahre definierten Leitthemen des Berufsverbandes „Klima & Psychologie“ (2021) und „Mehr Psychologie in die Schulen“ (2022) wird der BDP Expert Talk eine Plattform bieten, um den fachlichen Austausch unter Psychologinnen und Psychologen, zwischen Studierenden und erfahrenen Mitgliedern sowie in Praxis und Forschung zu fördern. Um möglichst vielen Mitgliedern die Möglichkeit zu geben, den anregenden Diskussionen beizuwohnen, bietet jeder BDP Expert Talk darüber hinaus die Gelegenheit, als „stille zuhörende Gäste“ an der Veranstaltung teilzunehmen.

 

Spannende Auftaktveranstaltung

Zum erfolgreichen Auftakttermin am 9. September diskutierte M.Sc. Katharina Bereswill, Psychologin und Psychologische Psychotherapeutin in Ausbildung, mit einem fünfköpfigen Expertenkreis von BDP-Mitgliedern und 36 Zuhörenden zum Thema „Psychotherapie zu Dritt: Chancen, Stolpersteine und Hinweise zur Beziehungsgestaltung mit dem/r Dolmetscher*in und deren gesellschaftliche Relevanz“.

Während der Debatte waren sich die aktiven Teilnehmenden schnell einig, dass eine dolmetschergestützte Psychotherapie zum Abbau kultureller Fremdheit beitragen kann. Dennoch würden aktuell nur etwa 10 % aller psychotherapeutischen Sitzungen, in denen entsprechender Bedarf besteht, mit Unterstützung einer Dolmetscherin oder eines Dolmetschers durchgeführt, wie Katharina Bereswill erläuterte. Der Einsatz von kulturvermittelnden Personen, die zusätzlich zur Übersetzung beim Verstehen des kulturellen Hintergrundes von Klientinnen und Klienten helfen können, sei noch rarer. Der Einsatz von Dolmetscherinnen und Dolmetschern stellt in der Psychotherapie eine große Herausforderung dar; viele Einzelheiten im Kontext der Psychotherapie, wie z.B. Therapieprinzipien bis hin zur Sitzordnung der Beteiligten, müssen erklärt und auf rechtlich relevante Aspekte, bspw. die Schweigepflicht, muss in der Muttersprache der Klientinnen und Klienten hingewiesen werden. Neben dieser besonderen Verantwortung, welche die dolmetschenden Personen im psychotherapeutischen Setting übernehmen müssen, kann ihr Einsatz aber auch positive Effekte auf ihr eigenes Selbstwirksamkeitserleben haben.

 

Viele gesellschaftspolitische Bezüge

Im Verlauf des Gespräches hoben die Diskutierenden das Thema des ersten BDP Expert Talks auch auf eine noch weiterreichende soziale Ebene und tauschten sich zum gesellschaftlichen Umgang mit marginalisierten Personengruppen, bspw. Geflüchteten, aus. Die Teilnehmenden konnten dazu Erfahrungen aus ihrem eigenen Berufsalltag, auch außerhalb der Psychotherapie, berichten; gleichzeitig betonten sie aber auch den Bedarf an interdisziplinärer Zusammenarbeit, z.B. mit Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern. Integration funktioniere nämlich auf vielen Ebenen – Sprache, Arbeit, soziale Partizipation –, wie ein Teilnehmer der Diskussion ausführte; und auf allen Ebenen sei Empathie für die Lebenswelt Anderer enorm wichtig. Psychologinnen und Psychologen müssen „selber ganz viel lernen“ was den Umgang mit „kulturell Anderen“ angeht, bemerkte ein anderer Teilnehmer, sodass entsprechende Inhalte in die Curricula des Psychologiestudiums und der psychotherapeutischen Ausbildung integriert werden sollten. Nicht nur die positiven Rückmeldungen vieler Teilnehmender, auch die Auszeichnung von Katharina Bereswill mit dem Nachwuchspreis für Angewandte Psychologie der BDP-Studienstiftung im Jahr 2019 zeigt die große Bedeutsamkeit des Themas „Psychotherapie zu Dritt“ für den aktuellen Diskurs um Aspekte des gesellschaftlichen Zusammenhalts.

 

Aktuelle Ereignisse unterstreichen die Relevanz

Am zweiten Veranstaltungstermin am 14. Oktober war Herr Prof. em. Dr. Ulrich Wagner von der Philipps-Universität Marburg eingeladen, zum Thema „Vorurteile, Diskriminierung, Rassismus – was können wir dagegen tun?“ zu diskutieren. Prof. Wagner forscht langjährig u.a. zu Stereotypen, Intergruppenbeziehungen und Gewaltprävention, gleichzeitig vertritt er als EFPA-Delegierter im Board für „Human Rights & Psychology“ die Föderation Deutscher Psychologenvereinigungen (BDP und DGPs), dessen Präsidentschaft der BDP aktuell inne hat. Seinem Talk folgten neben den aktiv Diskutierenden 52 Gäste.

Die Veranstaltung eröffnete Prof. Wagner zunächst mit einem Rückblick auf einige sozialpsychologische Grundlagen, wie der Tendenz zur Bevorzugung der Eigengruppe oder den Prozessen der Ingroup- und Outgroup-Homogenisierung, die für das Verständnis der Entstehung von Vorurteilen und Diskriminierung essentiell sind. Eine Konsequenz dieser Verzerrungen kann Ausgrenzungs- und Diskriminierungsverhalten in Form von Rassismus, Antisemitismus oder Sexismus sein. Die Diskussionsrunde war sich auch einig, dass Kategorisierungsprozesse wichtige psychologische Funktionen erfüllen; sie sind identitätsstiftend, informationsgenerierend, können als soziale oder Coping-Ressource dienen und Komplexität reduzieren. Der Versuch, das Denken in Kategorien zu verlernen, sei daher nicht nur äußerst schwierig, sondern in vielen Situationen auch nicht angebracht, wie am Beispiel von „Colorblind Racism“ diskutiert wurde. Ebenfalls wurde erwähnt, dass ethnische Herkunft häufig andere Merkmale der Person überlagern kann und so Verzerrungen in der Wahrnehmung der Personen entstehen können. Diese Verzerrungen entstehen häufig ohne eine Diskriminierungsabsicht, sondern sind durch gesellschaftlich geprägte Narrative vorgezeichnet. Denen gilt es mit zusätzlichen Informationen und psychologischer Expertise entgegenzutreten.

 

Implikationen für das eigene berufliche Handeln

Sich für die eigenen diskriminierenden Denkmuster zu sensibilisieren, gesellschaftliche Narrative neu zu erzählen und institutionellen Rassismus zu adressieren, gehe aber mit Anstrengung einher, wie die Diskussionsrunde ergänzte, und müsse durch entsprechende Erkenntnisse der Psychologie unterstützt werden. Die Kontakthypothese nach Gordon Allport (1954) stellt einen Meilenstein in der psychologischen Vorurteilsforschung dar und besagt, dass eine Kontaktsituation zwischen Mitgliedern der Eigen- und einer Fremdgruppe zum Abbau von Vorurteilen beitragen kann, wenn diese den gleichen Status haben, kooperative Ziele verfolgen und der Kontakt durch Autoritäten unterstützt wird. Die Kontakthypothese wurde in den letzten Jahrzehnten mehrfach empirisch bestätigt und ist theoretische Grundlage für zahlreiche psychologische Interventionsprogramme.

Für die Arbeit von Psychologinnen und Psychologen, die sich mit dem Abbau von Vorurteilen beschäftigen, sei es jedoch auch enorm wichtig, die jeweils diskriminierten Personengruppen einzubeziehen und „die Betroffenen zu fragen“, merkte eine Diskutantin an. Hierbei könnten partizipative Forschungsmethoden unterstützen. In jedem Fall sollten Psychologinnen und Psychologen mit ihrem Wissen an die Politik und andere Akteurinnen und Akteure herantreten, denn – wie ein Teilnehmer abschließend feststellt –, „Psychologinnen und Psychologen müssen in die Gesellschaft wirken“.

 

Schon bald folgen die nächsten BDP Expert Talkrunden

Der BDP Expert Talk wird sich weiteren Themen widmen, die die Bedeutsamkeit von Heterogenität in unserer Gesellschaft betonen: Am 11. November geht es weiter mit Dipl.-Psych. Eva van Keuk vom „Psychosozialen Zentrum für Flüchtlinge Düsseldorf“. Die BDP-Präsidiumsbeauftragte für Menschenrechtsfragen wird unter dem Thema „Leave no one behind“ über den Umgang mit Geflüchteten in Corona-Zeiten diskutieren. Informationen zu diesen BDP Expert Talks und allen folgenden Terminen finden Sie auf der BDP-Webseite unter www.bdp-verband.de/expert-talk. Die Diskussionen der vergangenen Veranstaltungen können Sie zeitnah ebenfalls online einsehen; bitte beachten Sie dazu die Ankündigungen im BDP-Newsletter.

Ihre Ideen für Themen, die der BDP Expert Talk aufgreifen sollte, senden Sie uns gern an fachpolitik@bdp-verband.de.