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Psychotherapeutische Behandlung von Gehörlosen

   11.02.2020

Die Psychotherapeutin Anna-Konstantina Richter berichtet im Interview mit dem BDP über die Behandlung eines gehörlosen Patienten mit dem EMDR-Verfahren.

Gehörlose gelten in der Psychotherapie als unterversorgt und wenig untersucht. Laut Ärzteblatt hatten 2019 lediglich 39 Psychotherapeuten und -therapeutinnen bundesweit Kenntnisse in Gebärdensprache – dem stehen bis zu 100.000 Hörgeschädigte gegenüber. Wer keine Gebärdensprache beherrscht, muss auf einen der 750 Dolmetscherinnen und Dolmetscher zurückgreifen.

Anna-Konstantina Richter hatte in ihrer bisherigen beruflichen Laufbahn noch nicht allzu viele Berührungspunkte mit Gehörlosen gehabt, als eine Kollegin ihren gehörlosen Patienten zu ihr überweisen wollte. Diese war sehr zuversichtlich, dass das von Richter angewandte (fast) nonverbale EMDR-Verfahren sehr geeignet für den Patienten mit PTBS wäre. Richter war gespannt auf die neuartige Therapiesituation und willigte ein, nach einer erfolgreich durchgeführten Therapie möchte sie nun auch anderen Behandelnden die „Scheu“ vor einer dolmetschergestützten Therapie mit Gehörlosen nehmen.

 

Louisa Tomayer: Wie war Ihr erster Eindruck von der Psychotherapie zu dritt?
Anna-Konstantina Richter: Beim Erstkontakt mit dem Patienten und seiner Dolmetscherin war ich begeistert davon, wie flüssig die Kommunikation verlief und fand es unfassbar, was beide diesem Moment leisten. Nach diesem ersten Eindruck konnte ich es mir gut vorstellen, den Gehörlosen zu behandeln. Insbesondere, da die Diagnostik bei mir sehr strukturiert vonstattengeht und dementsprechend mittels Gebärdensprachdolmetscherin erfolgen kann. Das diagnostische strukturierte Interview erfolgte mithilfe der Dolmetscherin, auch die Test-Items wurden gedolmetscht, sodass ich die entsprechenden Testwerte ermitteln konnte und mir den Patienten genauso gründlich anschauen konnte, wie meine anderen Patienten. Während der Behandlung des Patienten habe ich drei Dolmetscherinnen kennengelernt und sie alle als sehr große Könnerinnen empfunden, die sich schnell in die Situation einfinden konnten.

 

Wie verlief die Therapie? Haben Sie die Testfragen vorher zur Verfügung gestellt?
Es war so, dass wir nach verhaltenstherapeutischen Sitzungen sieben Sitzungen EMDR durchgeführt haben. Die verbale Kommunikation, die vor, in und nach der Stimulation stattfindet, wurde von der Gebärdendolmetscherin übersetzt und so konnten wir die Sitzungen gut bestreiten. Die Testfragen habe ich in der Sitzung der Dolmetscherin vorgelegt, die die Items übersetzte und im Anschluss die gebärdete Antwort des Patienten wiedergab. Eine Möglichkeit zur Vor-oder Nachbesprechung der Sitzungen mit der Dolmetscherin gab es nicht. Sie sind sehr begehrt, müssen oft sofort weiterfahren zu ihrem nächsten Auftrag und somit ist ihre Zeit wahnsinnig limitiert.

 

Erhalten die Dolmetscherinnen eine Art Supervision?
Eine Supervision erhalten die Dolmetscherinnen nicht. Was ich jedoch gemacht habe, ist folgendes: Die Dolmetscherin, die bei den Trauma-Bearbeitungs-Sitzungen dabei war, sollte – genau wie der Patient – die traumatherapeutischen Sicherungstechniken üben. Und auch ihr war es erlaubt, ein Stop-Signal auszuüben. Sie sollte nicht von den Schilderungen des Patienten traumatisiert werden, der beim EMDR einen Verkehrsunfall sowie die Zeit im Krankenhaus noch einmal durchlebte. Gerade das Aufwachen im Krankenhaus, nicht zu wissen, warum er sich dort befand und nicht kommunizieren zu können, war sehr traumatisch für ihn. Dieser Part der Therapie ist wirklich gut verlaufen, es fand keine sekundäre Traumatisierung statt und die Dolmetscherin meldete zurück, dass sie es erstaunlich fand, wie schnell die Belastung beim Patienten sank.

 

Wie sah es mit der Kostenübernahme durch die Krankenkassen aus?
In meiner Privatpraxis funktioniert seit der Änderung der Psychotherapierichtlinie das Kostenerstattungsverfahren nicht mehr – bei meinem gehörlosen Patienten wurde jedoch eine Ausnahme gemacht, da es für ihn schon schwierig genug war, eine Therapeutin zu finden. Allerdings hat es ganze fünf Monate gedauert, bis die Bewilligung für die außervertraglichen Sitzungen vorlag. Die Finanzierung der Gebärden-Dolmetscher ist hingegen gar kein Problem, denn die Krankenkassen sind dazu verpflichtet, die Kosten zu tragen. Vielmehr ist es schwierig überhaupt einen Zeitpunkt zu finden, an dem diese verfügbar sind.

 

Haben Sie Tipps für andere Psychotherapeutinnen und -therapeuten?
Zunächst einmal rate ich, einfach offen für diese neue Erfahrung zu sein – auch ich kannte Gehörlosigkeit bisher nur aus Filmen oder Erzählungen.
Was von unserem Handwerkszeug besonders wichtig ist, ist das Paraphrasieren. Denn einerseits ist es wichtig nachzuvollziehen, dass man durch die unterschiedliche Wahrnehmung nicht aneinander vorbeiredet und andererseits haben wir es hier mit Menschen zu tun, die – umgeben von Hörenden – aus einer gewissen Isolation kommen. Es kann nützlich sein, die eine oder andere Gebärde, zur Begrüßung oder Verabschiedung, zu erlernen.

Weiterhin ist mir aufgefallen, dass der Gehörlose und die Dolmetscherin eine starke Einheit bildeten, die Dolmetscherin ist ja das Sprachrohr des Patienten. Deshalb muss man als Therapeut sehr stark darauf achten, dass man auch zwischendurch den Blickkontakt auffängt, dass man sich nicht zu viel nebenbei notiert o. ä., damit der Patient mit beiden in Kontakt ist.

Mein Eindruck war auch – da ich ab und an Konflikte mit meinem Patienten hatte – dass die Dolmetscherinnen sehr gelassen geblieben sind. Möglicherweise kennen sie solche Konflikte von anderen Terminen, die sie begleiten und sind sehr gut darin geschult, diese sachlich zu dolmetschen. 

Schlussendlich sind Gehörlose schlichtweg unterversorgt. Ich hoffe daher inständig, dass ich noch mehr hörenden Kolleginnen und Kollegen dazu motivieren kann, ihre Praxen für gehörlose Patienten zu öffnen.
 

Weiterlesen:

Richter, Anna-Konstantina (2019a). EMDR in der Behandlung eines gehörlosen PTBS-Patienten. Vorzüge einer nicht ausschließlich verbalen psychotherapeutischen Intervention – ein Fallbericht. (English: Case Report: EMDR in the Treatment of a Deaf PTSD Patient – Advantages of a not entirely verbal psychotherapeutic intervention). Stuttgart: Trauma & Gewalt 13, 170-182. DOI 10.21706/tg-13-2-170, https://elibrary.klett-cotta.de/article/10.21706/tg-13-2-170

 

Schmidt, Steffi & Metzner, Franka. (2019). Psychotherapie für taube Patienten durch hörende Psychotherapeuten mittels Gebärdensprachdolmetscher – ein Systematisches Literaturreview zu Forschungsbefunden und Empfehlungen. Das Gesundheitswesen.

10.1055/a-1033-7449. https://www.researchgate.net/publication/337816262_Psychotherapie_fur_taube_Patienten_durch_horende_Psychotherapeuten_mittels_Gebardensprachdolmetscher_-_ein_Systematisches_Literaturreview_zu_Forschungsbefunden_und_Empfehlungen

 

Wüthrich, Johanna & Amman, Jeannine (2007). Gebärdensprachdolmetschen in der Psychotherapie. Umsetzung des Ehrenkodex in der Zusammenarbeit von Gebärdensprachdolmetschenden und therapeutischem Fachpersonal. https://docplayer.org/63852560-Gebaerdensprachdolmetschen-in-der-psychotherapie.html