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BDP-Tag der Psychologie 2019

   17.10.2019

Der Tag der Psychologie stand in diesem Jahr unter dem Titel „Diversität und psychologische Praxis: Dimensionen und Impulse“. Am 20. September 2019 fand er unter der Schirmherrschaft von Staatsministerin Annette Widmann-Mauz, MdB, statt.

Eröffnet wurde die Veranstaltung vom Präsidenten des BDP, Prof. Dr. Michael Krämer, der sich darüber freut, rund hundert Teilnehmende zu begrüßen.

Durch den Tag führte in professioneller und charmanter Art die fachliche Leiterin der Veranstaltung, Prof. a. D. PD Dr. Susanne Guski-Leinwand (FH Dortmund). In ihrer Einführung betonte sie, dass Diversität für Psychologinnen und Psychologen keinesfalls ein neuer Begriff sei, arbeiteten sie doch tagtäglich in vielfältigen Kontexten und Arbeitsfeldern mit unterschiedlichen Menschen zusammen. Analog dazu zitierte sie eine Pressemitteilung der BCG und lud die Teilnehmenden ein, ebenso wie dort Diversität als „moralischen Imperativ“ in allen Bereichen der Psychologie zu sehen und besonders auch kognitive Diversität zu fördern. Diversität, das ist inzwischen unbestritten, führt zu einer Stärkung der Resilienz.

Guski-Leinwand verlas zudem das Grußwort der Schirmherrin der Veranstaltung, Frau Annette Widmann-Mauz, Staatministerin für Migration, Flüchtlinge und Integration. Widmann-Mauz dankte den Psychologinnen und Psychologen dafür, dass sie „einen großen und unverzichtbaren Beitrag leisten – Tag für Tag, vor Ort in den Städten und Gemeinden, im direkten Kontakt mit den Menschen“. Sie freue sich sehr, die Expertise und das Engagement des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen bei der Integrationsoffensive für Deutschland an ihrer Seite zu wissen. (zum Grußwort)

Die BDP-Präsidiumsbeauftragte für Menschenrechte, Dipl.-Psych. Eva van Keuk (PSZ Düsseldorf), rief den Teilnehmenden in ihrem Grußwort die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte in Erinnerung. Viele der darin beschriebenen Rechte würden heutigen Geflüchteten verwehrt – Kinder und Jugendliche könnten z. B. oft über Monate bis Jahre hinweg nicht die Schule besuchen. Sie kritisierte, dass Deutschland und Europa nach wie vor eine „veraltete Landkarte“ vor Augen hätten und ging kritisch reflektierend auf das Geordnete-Rückkehr-Gesetz ein, welches Psychologinnen und Psychologen von Begutachtungen und Einschätzungen in Asylverfahren ausschließt.

Dem Thema „De-Radikalisierung als Integrationsaufgabe“ widmete sich der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Dierk Borstel (FH Dortmund) in seinem praxisnahen Vortrag. Borstel bot den Zuhörenden einen Einblick in seine Arbeit mit Menschen, die aus rechtsextremistischen Kreisen aussteigen möchten und erörterte die Frage, welche Faktoren – abseits von großen soziologischen Theorien – zu einer Radikalisierung führten. Vier Einstiegsmuster könnten demnach aus der Sicht der Praxis definiert werden: Familienbezug, die (virtuelle) Orientierung an der Gruppe, die Suche nach kritischen Alternativen oder Ideologiesehnsucht. Die Rekrutierung neuer Mitglieder laufe in rechten Gruppierungen sehr strukturiert ab: jede/r erhalte von Beginn an eine Aufgabe, politische Themen würden innerhalb des ersten Jahres nicht kommuniziert. Borstel lud die Anwesenden dazu ein, sich in der De-Radikalisierung zu engagieren – in der Analyse der Ein- und Ausstiege ebenso wie in der individuellen Hilfe sowie der Opferhilfe. „Hier wird die Expertise von Psychologinnen und Psychologen benötigt und daher lade ich herzlich zur Kooperation ein!“ so Borstel.

Prof. Dr. Petia Genkova (Hochschule Osnabrück), Sprecherin des Gleichbehandlungsausschusses des BDP, beleuchtete in ihrem Vortrag „Diversität und Interkulturalität“ insbesondere die Sicht der Wirtschaftspsychologie. Gerade Führungskräfte unterschätzten oft die Wichtigkeit von Diversity-Themen, da ihr näheres Umfeld sehr homogen aufgebaut ist, Stichwort Gläserne Decke. Die Förderung interkultureller Kompetenz als Schlüsselqualifikation sei laut Genkova gerade im Arbeitskontext essenziell. Gleichzeitig räumte sie mit dem Vorurteil auf, dass nicht Empathie entscheidend sei, sondern die Befähigung, einen Perspektivwechsel zu vollziehen und sich in die andere Person hineinzuversetzen.

Nach der Mittagspause, in der es einen angeregten Meinungsaustausch gab, verlieh Petia Genkova den Preis des Schreibwettbewerbes „Vision – Psychologie in der Zukunft“. Die Essays der drei Erstplatzierten sowie des Sonderpreises werden in den kommenden Ausgaben des report psychologie veröffentlicht. Der Beitrag der Gewinnerin Esther Theresia Büscher ist bereits in dieser Ausgabe nachzulesen.

 

Ins Gespräch kommen – die Workshops am Nachmittag

Prof. Dr. Linda Juang und die Doktorandin Sharleen Pevec (beide Universität Potsdam) boten gemeinsam den Workshop Diversität im Kontext schulpsychologischer Fragestellungen – Impulse aus dem Identitätsprojekt an. Sie berichteten anschaulich von den Ergebnissen eines Forschungsprojektes, welches sie in vier 7. Klassen einer Berliner Sekundärschule durchgeführt hatten, in denen 85 Prozent der Schülerinnen und Schüler einen Migrationshintergrund aufweisen. Die im Projekt stattfindende intensive Auseinandersetzung mit den verschiedenen Identitäten führte – im Vergleich zur Kontrollgruppe – zu einem höheren Selbstwertgefühl und wurde von Schüler*innen sowie Lehrenden als sehr bereichernd empfunden. Lebhaft konnten kreative Impulse zur Thematik „Identität“ im Workshop entdeckt werden.

Eva van Keuk teilte im Workshop Diversitätsaspekte in der psychotherapeutischen Arbeit mit psychisch belasteten Geflüchteten ihre praktischen Erfahrungen aus der Arbeit am Psychosozialen Zentrum für FlüchtlingeDüsseldorf mit. Sie wies auf die deutlich verstärkte, asymmetrische Beziehung zwischen Klient*in und Behandelnder bzw. Behandelndem und betonte, wie wichtig daher ein achtsamer Beziehungsaufbau sei. Van Keuk regte die Teilnehmenden dazu an, im beruflichen wie auch privaten Alltag, zuerst Gemeinsamkeiten und erst dann Unterschiede wahrzunehmen. Im Umgang mit geflüchteten Klient*innen plädierte sie dafür, die besonderen Bedarfe wahrzunehmen: Gastfreundschaft, das Beachten von Schutzräumen und die sprachliche Vielfalt.

Im Workshop Diversity Management in Organisationen: Erfahrungsorientierte Ansätze und Beispiele guter Praxis sein stellte Ulrich F. Schübel die von ihm entwickelten Tools, den „DiversityParcours“ und das „GenderBrettspiel“ vor und berichtete über deren Einsatz in unterschiedlichen Organisationen und Kontexten. Auch hier stachen kreative Ideen zur Gestaltung des Diversity-Themas hervor.

Diversität war nicht nur das Leitthema der Veranstaltung, sondern spiegelte sich auch beim Publikum des Tages wider. Die Teilnehmenden brachten sich zudem sehr aktiv in die Workshops ein, diskutierten kontrovers und hoch engagiert. Viele setzen sich bereits intensiv mit dem Thema im Berufskontext auseinander und bereicherten mit ihren Wortbeiträgen die Veranstaltung außerordentlich.