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Pressemitteilung
Nr. 8/05
22. April 2005

Infotainment statt Wahrheitsfindung

Psychologen empfehlen Politikern Taktgefühl, Sachlichkeit und kollegiale Mäßigung

Nach der ersten live im Fernsehen übertragenen Sitzung eines Untersuchungsausschusses am Donnerstag haben sich die Befürchtungen bestätigt, dass ein solches Szenario die sachliche Wahrheitsfindung in politischen Gremien einer Gerichtsshow unerfreulich ähnlich macht. Nach einer knappen halben Stunde Redezeit hatte Ludger Vollmer zwar schon viele "starke" Vokabeln gebraucht und zitiert, von denen er sich anscheinend eine ebenso starke Medienwirksamkeit versprach, aber noch kein Wort zur Aufklärung in der Visa-Affäre beigetragen. Kaum weniger inszenierten sich die Befrager.

Die Dramatisierung von Anhörungen durch die Live-Übertragung liefert mehr Bilder als Logik, mehr Selbstdarstellung und Eitelkeiten als Information. Sie führt zu  Symbolpolitik, Personalisierung und  parteiliche Polarisierung. Das ist die Einschätzung der Sektion Politische Psychologie im Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP), der größten psychologischen Fachorganisation in der Bundesrepublik.

Politik gerät damit noch weiter in die Schraube des Infotainment. Politiker, so fürchtet der BDP, werden in einer solchen politischen Kultur immer mehr nach ihrem Unterhaltungswert, ihrer Selbstdarstellungskompetenz und ihrer Aggressivität in Showdown-Situationen ausgewählt. Damit ist der nächste "Fall Möllemann" geradezu vorprogrammiert.

Zudem bekräftigt der Zwang der Verbildlichung einen ohnehin weit verbreiteten Glauben an die unmittelbare, einfache Darstellbarkeit komplexer Prozesse. Solche Inszenierungen sind aber das Gegenteil echter politischer Bildung und Willensbildung. Sie schließen die Diskussion und Auseinandersetzung kurz, die eine demokratische Zivilgesellschaft lebendig machen.

Grelles Infotainment ist aus Sicht der Politischen Psychologie ein törichter Ansatz, gegen Politikverdrossenheit anzugehen. Kurzfristig stumpft unaufhörliches "Haltet-den-Dieb"-Geschrei die Aufmerksamkeit ab und wird nicht mehr ernst genommen. Langfristig ist es kontraproduktiv, weil Menschen sozialpsychologische Selbstdarstellungstechniken aus ihrer Alltagserfahrung heraus intuitiv durchschauen und sich enttäuscht abwenden. Differenzierte Kognitionen werden damit nicht gefördert, das Urteilsvermögen auf grobe Heuristiken vereinfacht. Die kurzfristige Dramatisierungslogik des TV belastet damit den politischen und verfassungsrechtlichen Auftrag der Volksvertretung, sachlich neutral und fair die Tatsachen zu klären.

Das spektakuläre Infotainment lenkt zudem von der politischen Gestaltungsfrage hinter der Untersuchung ab. Diese ist jedoch für das Gelingen der EU-Erweiterung und die künftigen Beziehungen Europas zu den ärmeren Ländern lebenswichtig. Medienspektakel ohne sachliche Lösungsentwürfe führen nur zum weiteren Verlust gesellschaftlicher Autorität der politischen Akteure. Politikerverdrossenheit kann umso leichter zu Systemverdrossenheit werden, je weniger sich die politischen und wirtschaftlichen Eliten bei der Lösung der dringendsten Probleme als kompetent erweisen.

Aus Sicht der Psychologie empfiehlt sich eine langfristige Arbeit mit mehreren Ansatzpunkten:

  1. eine neue Corporate Identity der Politik: Klassische Werte einer team- und fairnessorientierten Personalführung sollten systematisch entwickelt werden: Bedachtsamkeit, Behutsamkeit, Zeit für Kommunikation, kollegialer Respekt, Fairness-Regeln. Taktgefühl ist gerade im Umgang mit politischen Gegnern ein wesentlicher Wert. Politiker und Politikerinnen sollten daran gemessen werden, ob sie wie Gentlemen handeln.
  2. die Entspannung interner Konkurrenz durch Teamentwicklung für Parteien und Parlamente.
  3. das Aushandeln von Rahmenregeln und Maßverhältnissen mit leitenden Medien. Hierzu gehören Regeln für die Angemessenheit von Auftritten und Berichtsformen, die Anstand und Würde im politischen Stil wahren. Eine Deeskalation greller Töne würde sich langfristig durch mehr Aufmerksamkeit und differenzierteres Urteilsvermögen in der politischen Willensbildung auszahlen. Die Politiker würden durch Stressabbau mehr Freiräume für ruhige und überlegte Entscheidungen finden, und auch zwischen den Medien würden sich mit einem qualitätsorientierten Wettbewerb kurzatmige Produktionszwänge entspannen.


Ansprechpartner:
Thomas Kliche, Vorsitzender der Sektion Politische Psychologie im BDP


Christa Schaffmann, Pressesprecherin
Glinkastr. 5, 10117 Berlin
Tel. (49) 30 - 209 149 59
Fax: (49) 30 - 209 149 66
e-Mail: presse@bdp-verband.org