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Pressemitteilung
Nr. 13 / 02
12. Juni 2002

Vergütung psychotherapeutischer Leistungen

Stellungnahme des Berufsverbandes deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP), vertreten durch seine Fachsektion Verband Psychologischer Psychotherapeuten im BDP (VPP) zum Gesetzentwurf der FDP zur Sicherung einer angemessenen Vergütung psychotherapeutischer Leistungen im Rahmen der gesetzlichen Krankenversicherung, Drucksache 14/8400

Der VPP im BDP begrüßt den Entwurf der FDP BT-Drs. 14/8400 insoweit, als grundsätzlich damit erkannt wird, dass die Leistungen von psychologischen Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten bei weitem nicht angemessen vergütet werden. Zur Problembeschreibung möchten wir einige wichtige Aspekte anmerken.

In den ersten Jahren nach der Einführung des PsychThG und der Eingliederung der Psychotherapeut/innen in die vertragsärztliche Versorgung ist es zu immensen Problemen bei der Vergütungsgestaltung der verschiedenen an der psychotherapeutischen Versorgung beteiligten Berufsgruppen gekommen. Eine der Ursachen dafür liegt in der Unterschätzung des Bedarfs an psychotherapeutischer Versorgung. Da dieser noch lange nicht gedeckt ist (s. Zepf; S.; Mengele, U.; Marx, A. & Hartmann, S. 2001, Zur ambulanten psychotherapeutischen Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland) und selbst in Ballungsräumen Wartezeiten von sechs Monaten und mehr für die Aufnahme einer Psychotherapie die Regel sind, kann ein zeitlicher Zusammenhang zwischen den Approbationszahlen im Jahr 1999 und einem Regelungsbedarf der Honorierung in den folgenden Jahren (mit geringer Anzahl neuer Approbationen) nicht erkannt werden. Statt der Annahme eines möglichen Anstiegs an Psychotherapie erscheint die Art der Planung des Bedarfs und der Honorarverteilung das zu lösende Problem zu sein.

Weitere Gründe liegen in unterschiedlichen Abrechnungsbedingungen zwischen Ärzt/innen und Psychotherapeut/innen, wie z. B. der Vergleich von zeitgebundenen mit zeitgetakteten Leistungen sowie unterschiedliche Maßstäbe der Anrechnung der Praxiskosten.

Das BMG hat in einem Sachstandsvermerk vom 27.07.01 unter Hinweis auf ein Schreiben an die KÄBV und die Spitzenverbände der Krankenkassen vom 07.12.00 auf Bedenken hinsichtlich der Kalkulation der Betriebsausgaben der Psychologischen Psychotherapeuten auf der Grundlage der realen Ist-Erlöse von 1998 hingewiesen. Allein die Tatsache, dass es der Selbstverwaltung nicht gelungen ist, die neue Berufsgruppe hinreichend in das System einzugliedern und Schlechterstellungen zu vermeiden, spricht an sich nicht für eine gesetzliche Neuregelung der Finanzierungsgrundlagen.

In § 85 Abs. 4. Satz 4 SGB V ist der gesetzliche Auftrag für eine hinreichende Vergütung bereits erteilt. Der primäre politische bzw. gesetzgeberische Bedarf bei einer vergleichsweise neuen gesetzlichen Regelung wie der des PsychThG besteht daher nicht in der Neuregelung der Finanzierung, sondern - neben der Verbesserung von Regelungen zur Ausgestaltung und Vergütung der Ausbildung zum/r Psychologischen Psychotherapeut/in - im wesentlichen darin, dem bereits geschriebenen Recht Geltung zu verschaffen.

Die Klarstellung des BSG hinsichtlich eines Mindestpunktwertes von zehn Pfennig für zeitgebundene und genehmigungspflichtige Leistungen hat mit dem Anlegen gleicher Berechnungsgrundlagen der Praxiskosten bei Fachärzten für Allgemeinmedizin und Psychologischen Psychotherapeuten den Weg für einen adäquaten Vergleichsmaßstab gewiesen.

Die Datengrundlage für den Vergleich zwischen psychosomatisch arbeitenden Fachärzt/innen und Psychologischen Psychotherapeut/innen ist trotz des Datenmaterials der ZI-Studie zur Zeit jedoch nicht ausreichend vorhanden. Während es sich beispielsweise bei den jährlichen Arbeitszeiten der Psychologischen Psychotherapeut/innen um nachweisbar erbrachte zeitgebundene Leistungen einschließlich der zusätzlichen Erfordernisse handelt, beruhen die jährlichen Arbeitszeiten der somatisch tätigen Ärzt/innen auf nicht kontrollierter Selbsteinschätzung.

Bei den Psychologischen Psychotherapeuten ergibt sich durch den Bezug auf die Daten der abgerechneten Therapiestunden eine implizite deutliche Unterschätzung. Nach einer internen Berechnung des Verbandes Psychologischer Psychotherapeuten im BDP entsprechen 36 abgerechnete Therapiestunden pro Woche realen 54 Arbeitsstunden.

Dabei ist bedeutsam, dass die Effektivitätssteigerung bei somatischen und psychotherapeutischen Leistungserbringern umgekehrte finanzielle Effekte erzeugt. Ein Arzt kann durch schnelles effektives Arbeiten den zeitgetakteten Abrechnungsposten schneller erledigen und damit seinen Verdienst steigern. Beim Psychologischen Psychotherapeuten ist dieses Verhältnis umgekehrt. Schließt ein Psychologischer Psychotherapeut eine Therapie in 25 Stunden ab, so ist der Anteil der regelmäßig anfallenden und im Restpunktwert eingeschlossenen Leistungen wie Diagnostik, probatorische Sitzungen und Beantragung prozentual deutlich höher, als wenn diese fixen Kosten auf 50 oder 80 Stunden entfallen.

Vor diesem Hintergrund steht vor einer Neuregelung der finanziellen Grundlagen für die Erbringung psychotherapeutischer Leistungen eine gerechtere Verteilung des Honorars auf der Agenda des politischen Handlungsbedarfs.

Zum Gesetzentwurf Drucksache 14/8400 und den Begründungen im Einzelnen unter Abschnitt B

Die Eigenverantwortung der Patient/innen bei der Inanspruchnahme psychotherapeutischer Leistungen ist ein wichtiger Faktor. Für den in der Begründung nahegelegten Zusammenhang, dass eine finanzielle Selbstbeteiligung ein wichtiger Anreiz sei, die Therapie zu Ende zu führen, gibt es keine wissenschaftlichen Belege. In diesem Zusammenhang sind eher gegenteilige Effekte zu erwarten.

Insbesondere das in der Begründung formulierte Argument der Mengenausweitung medizinischer Leistungen als Auslöser für eine Neuregelung ist in dieser Form überraschend und nicht nachvollziehbar. Bei keiner anderen medizinisch notwendigen Behandlung wird argumentiert, dass die Steigerung von Behandlungsfällen wie Neurodermitis, Asthma, Herzinfarkt etc. die Einführung einer Zuzahlungsregelung erforderlich mache.

Die Zuzahlung greift auch insofern ins Leere, als die vor Inkrafttreten des Psychotherapeutengesetzes tatsächlich erbrachten Leistungen im Delegations- und Kostenerstattungsverfahren nicht erfasst sind. Es liegen also keine Zahlen vor, anhand derer eine Mengenausweitung psychotherapeutischer Leistungen belegt werden könnte.

Der Zusammenhang zwischen potenziellen Kosten der Behandlung und dem Effekt der Psychotherapie wird in dem Antrag auf den Kopf gestellt. Berechnungen aus der Schweiz weisen auf eine deutliche Kostenersparnis bei den somatischen Behandlungskosten durch den Einsatz von Psychotherapie hin (Mumford et al. 1984, Gabbard et al. 1997, Baltensperger 1996, siehe „Der Volkswirtschaftliche Nutzen der Psychotherapie“, Andreas Frei und Dr. Roger-Axel Greiner, Föderation der Schweizer Psychologen, Bern 2001). Eine Übertragung der Modellrechnung auf die Einwohnerzahl Deutschlands ergibt jährliche Ersparnisse zwischen 2,8 Milliarden als minimale, 8,5 Milliarden als mittlere Schätzung und 41,5 Mrd. Euro als höchste Schätzung. Unter Berücksichtigung dieser Zahlen könnte die unterstellte und nicht belegte, aber gesundheitspolitisch wünschenswerte Ausweitung von Leistungen der Psychotherapie leicht aus den Ersparnissen im somatischen Bereich gegenfinanziert werden.

Nicht einsichtig ist auch die im Gesetzesvorschlag getroffene Unterscheidung der Belastungsgrenzen. Dadurch werden grundsätzlich alle chronisch Kranken mindestens ein Jahr an der Zuzahlung beteiligt, unabhängig von Zuzahlungen zu ihren anderen Erkrankungen. Eine Trennung psychischer Erkrankungen von sonstigen Erkrankungen in diesem Kontext würde also ggf. zu einer höheren finanziellen Belastung der Patienten führen. Ein Begründung dafür ist nicht erkennbar. Kern der Regelung des § 62 SGB V ist die Abmilderung finanzieller Belastungen durch Zuzahlungen; für diesen Sachverhalt ist es völlig gleichgültig, durch welche Erkrankung bzw. welche Behandlung die finanzielle

Belastung zustande kommt. Die damit verbundene finanzielle Bestrafung von Multimorbidität im Kontext psychischer Belastung ist nicht nur ethisch bedenklich, sondern auch nicht zielführend durch ihre abschreckende Wirkung im Bereich der Sekundärprävention chronischer Erkrankungen. In Analogie würde eine solche Regelung bedeuten, bei den Disease Management Programmen eine Zuzahlungsregelung einzuführen; die Folgen sind leicht vorstellbar.

Generell fehlt im Gesetzesantrag eine fachlich fundierte Begründung dafür, die Psychotherapie als Behandlungsform finanziell anders zu regeln als andere Behandlungsformen im somatischen Bereich. Auf der Basis der Erkenntnisse der Gesundheitswissenschaften, die den häufig engen Zusammenhang zwischen psychischen und somatischen Erkrankungen belegen, wäre die Ablösung von psychotherapeutischen Leistungen aus dem normalen Regelangebot ein massiver Rückschritt. Die Einführung einer singulären Zuzahlungsregelung für die Psychotherapie kann es schon deshalb aus Sicht des VPP im BDP nicht geben. Das Ziel, mit der Leistung Psychotherapie auch sozial und finanzielle schwachen und in der Regel schwieriger erreichbaren Menschen und ihren Angehörigen bei der Bewältigung ihrer psychischen Probleme zu helfen, würde durch eine Zuzahlungsregelung gefährdet.

Im Hinblick auf die Verbesserung der gesundheitlichen Versorgung der Bevölkerung erscheint der vorliegende Gesetzesantrag wenig hilfreich. Der VPP im BDP spricht sich daher gegen eine solche Zuzahlungsregelung aus.

Der VPP im BDP ergreift jedoch gern die Gelegenheit, die nach internen Vergleichsberechnungen des VPP im BDP notwendige Honorierung psychologischer Psychotherapie vorzustellen.

Bei angemessener Berücksichtigung der Kosten einer professionell geführten Praxis (inkl. Mietkosten, Supervision, Teilzeitbürokraft, Versicherungen, etc.), des tatsächlichen Arbeitsaufwandes für eine 50-minütige Therapiesitzung und einer fachlich begründeten Begrenzung der wöchentlichen Therapiesitzungen an den allgemein gültigen Wochenarbeitszeiten ergeben sich 85,40 Euro pro genehmigungspflichtiger, zeitgebundener (50 Minuten) Leistung. Die Grundlagen dieser Berechnung stellen wir auf Anfrage gern zur Verfügung.

Der VPP im BDP fordert deshalb alle Gruppen der Selbstverwaltung, der Gesundheitsbehörden wie der politischen Mandatsträger auf, ihrer Verpflichtung für eine angemessene Vergütung der für die Versorgung der Bevölkerung unverzichtbaren Leistung psychologischer Psychotherapie nachzukommen.

Berlin, den 05.06.2002

Siehe auch die Pressemitteilung des BDP vom 14. Mai 2001:
Psychologen verweisen auf zunehmende psychische Belastungen im Arbeitsprozess



Christa Schaffmann, Pressesprecherin
Tel. 030-20 91 49 59
e-Mail: presse@bdp-verband.org