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Informationsdienst Psychologie - IDP 1/2006

Gesundheitsrisiko Lehrerberuf?

Ergebnisse und Schlussfolgerungen aus der Potsdamer Lehrerstudie

Aus einem Beitrag von Uwe Schaarschmidt

Der Lehrerberuf gehört zu den Berufen, die in besonderem Maße mit psychischen Belastungen verbunden sind, und unbestritten dürfte sein, dass sich in den letzten Jahren noch eine weitere Zuspitzung der Belastungssituation abzeichnet. Viele der Betroffenen beklagen eine stetige Zunahme ihrer Aufgaben bei gleichzeitiger Verschlechterung der Bedingungen, wobei besonders häufig auf Verhaltensprobleme der Schüler und nachlassende Unterstützung durch die Eltern verwiesen wird. Es scheint dringend geboten, der psychischen Gesundheit in diesem Beruf stärkere Aufmerksamkeit zu schenken, damit nicht aus heutigen Lehrern morgige Patienten werden. Zu bedenken ist, dass es dabei um die Lebensqualität Hunderttausender von Menschen geht, machen die Lehrer doch die größte akademische Berufsgruppe aus.
Aber noch Weiteres ist mit der Frage der Lehrergesundheit verbunden: Sie berührt auch sehr direkt das Niveau der schulischen Arbeit: Eine hohe Qualität des Lehrens und Lernens kann auf Dauer nur mit psychisch gesunden Lehrern gewährleistet werden, d. h. mit Lehrern, die sich durch Zufriedenheit, Engagement und Widerstandsfähigkeit gegenüber den berufsspezifischen Belastungen auszeichnen. Und schließlich ist in Rechnung zu stellen, dass die so dringende Aufgabe, begabte und hoch motivierte junge Leute für den Lehrerberuf zu gewinnen, schwerlich zu erfüllen sein dürfte, wenn bei diesem Beruf mehr und mehr von einem Trauma denn von einem Traum die Rede ist.

Schlussfolgerungen für erforderliche Veränderungen
Man kommt man nicht umhin festzustellen, dass für einen erheblichen Teil der Lehrerinnen und Lehrer Gesundheitsrisiken vorliegen. Freilich ist damit nicht gesagt, dass das Lehrerdasein geradezu zwangsläufig in die Patientenkarriere münden muss. Unsere Untersuchungsergebnisse lassen auch die in diesem Beruf liegenden persönlichkeits- und gesundheitsförderlichen Potenzen erkennen und sie zeigen Ansatzpunkte für deren bessere Nutzung auf.
Wir sehen vier große Aufgabenfelder: die Einflussnahme auf die Rahmenbedingungen des Berufs, die Gestaltung der Arbeitsbedingungen vor Ort, die verbesserte Rekrutierung und Vorbereitung des Lehrernachwuchses und schließlich auch die notwendigen Entwicklungsbemühungen der Lehrer selbst.

Erstens: Einflussnahme auf die Rahmenbedingungen des Berufs
Was macht den Lehrern das Leben so schwer?

Die kritischen Beanspruchungsverhältnisse gelten übergreifend für die gesamte Lehrerschaft. Es liegt somit nahe, nach den Bedingungen zu fragen, die mehr oder weniger allen Lehrern das Leben schwer machen, um vor allem dort mit Veränderungen anzusetzen. Hier kommen zunächst die Faktoren in Frage, die übereinstimmend von den Lehrern aller Regionen und Schultypen als die belastendsten hervorgehoben werden: destruktives Schülerverhalten, Klassengröße und Stundenanzahl. Schon an Hand dieser drei Bedingungen zeigt sich, dass die belastenden Faktoren nicht isoliert zu sehen, sondern in ihrem Zusammenwirken in Rechnung zu stellen sind. So wiegt eben die große Klasse bei problematischem Schülerverhalten noch wesentlich schwerer. Und die Stundenanzahl kommt als Belastungsfaktor noch sehr viel stärker zum Tragen, wenn Disziplinlosigkeit und fehlende Lernbereitschaft die Bewältigung jeder einzelnen Stunde zu einem Kraftakt werden lassen. Kurzum: Generell gilt es, defizitäre Arbeitsbedingungen im Ganzen anzugehen, d.h. Veränderungen müssen in mehreren Bereichen zugleich ansetzen. Dabei sollten aus unserer Sicht zwei Zielsetzungen im Vordergrund stehen:
Erstens ist der Überforderung der Lehrer durch eine Fülle nicht bewältigbarer erzieherischer Aufgaben entgegenzuwirken. Die Lehrer dürfen mit den komplexer und schwieriger gewordenen Anforderungen in diesem Bereich nicht allein gelassen werden.
Zweitens muss es darum gehen, die Voraussetzungen für mehr eigenverantwortliches Handeln im Lehrerberuf zu schaffen. Vielen der Lehrerinnen und Lehrer ist die Freude an ihrem Beruf auch deshalb abhanden gekommen, weil ein Zuviel an Reglementierung und äußeren Eingriffen die eigene pädagogische Zielsetzung und das selbstbestimmte professionelle Arbeiten erschweren, ja mitunter unmöglich machen. (Es sei in diesem Zusammenhang hervorgehoben, dass unter 22 tätigkeitsbezogenen Motiven, deren persönliche Bedeutsamkeit von den Lehrerinnen und Lehrern einzuschätzen war, das Motiv selbständig handeln übereinstimmend von den Lehrerinnen und Lehrern aller Regionen als das stärkste angegeben wurde.)

Unter dem ersten Aspekt sind u. E. vor allem folgende Maßnahmen gefordert:
• verstärkte Wahrnehmung der gemeinsamen Erziehungsverantwortung durch Politik, Eltern- und Lehrerschaft
• professionelle Hilfe über systematische Erziehungs-, Betreuungs- und Beratungstätigkeit an den Schulen durch Sozialpädagogen, Sozialarbeiter und Psychologen, Ausbau der schulpsychologischen Dienste und Erziehungsberatungsstellen
• qualifizierte, allen Kindern zugängliche Vorschulerziehung und deutlich mehr Möglichkeiten persönlichkeitsförderlicher Kinder- und Jugendarbeit in der Freizeit
• Erweiterung der in den Lehrerberuf eingebrachten erzieherischen Kompetenzen
• stärkere Förderung des Einsatzes junger Lehrerinnen und Lehrer
• Bezogen auf die zweite Zielstellung kommt es uns insbesondere auf folgende Maßnahmen an:
• Abbau von Bürokratisierung und Gängelei zugunsten der Entfaltung pädagogischer Professionalität
• mehr Muße und Kontinuität für die schulische Arbeit statt ständiger Kampagnen
• Gewährleistung eines motivationsförderlichen Gratifikations- und Evaluationssystems
• Ermöglichen qualifikationsgerechter beruflicher Alternativen bei Erreichen persönlicher Belastbarkeitsgrenzen

Zweitens: Gestaltung der Arbeitsbedingungen vor Ort
Unsere Ergebnisse weisen aus, dass es bei aller Problematik, die sich für den Lehrerberuf im Ganzen zeigt, doch auch beachtliche Unterschiede von Schule zu Schule gibt. Und dabei kann es sich durchaus um Schulen am gleichen Ort und des gleichen Typs handeln. Es hängt offensichtlich Vieles davon ab, wie der berufliche Alltag an der konkreten Schule verläuft. Damit ist auch gesagt, dass man nicht nur auf die Verbesserung der Rahmenbedingungen warten muss, sondern auch Möglichkeiten wirksamer Einflussnahme vor Ort bestehen.

Viele fühlen sich als Einzelkämpfer auf verlorenem Posten
Als den entscheidenden, den Unterschied erklärenden Faktor machten wir das soziale Klima an der Schule aus. Dort, wo wir die günstigeren Beanspruchungsverhältnisse feststellten, fanden wir fast ausnahmslos auch ein gutes soziales Klima vor. Darunter sei vor allem verstanden, dass die Beziehungen im Kollegium durch Offenheit, Interesse füreinander und gegenseitige Unterstützung gekennzeichnet sind und eine Schulkultur besteht, die ein hohes Maß an Gemeinsamkeit bei der Durchsetzung schulischer Normen und Ziele aufweist. Dem daraus resultierenden Erleben sozialer Unterstützung ist offensichtlich eine sehr wichtige protektive Funktion zuzuschreiben. Es beugt dem Gefühl vor, als Einzelkämpfer auf verlassenem Posten zu stehen, das vielen Lehrern besonders zu schaffen macht.

Personalführung durch Schulleiter – ein Dreh- und Angelpunkt
Als Dreh- und Angelpunkt erweist sich jedoch die Tätigkeit der Schulleitung. Dort, wo der Führungsstil der Leitung als kooperativ-unterstützend wahrgenommen wird, finden wir in der Regel auch intakte zwischenmenschliche Beziehungen im Kollegium vor. Es ist zu erwarten, dass über die Qualifizierung der Schulleitungen in der Personalführung eine wesentliche Ressource der Beanspruchungsoptimierung und Gesundheitsförderung erschlossen werden kann. Und da die Schulleiter in dieser Hinsicht selbst großen Bedarf anmelden, sollte hier vor allem gezielte Unterstützung ansetzen.

Angst vor der Ganztagsschule oder mehr Chancen durch Flexibilität?
Einen zweiten wesentlichen Ansatzpunkt für Veränderungen vor Ort sehen wir in der konkreten Organisations- und Bedingungsgestaltung des schulischen Alltags. Es geht uns um die Entwicklung und Umsetzung arbeitspsychologisch fundierter Gestaltungskonzepte. Ihnen kommt insbesondere in Hinblick auf den Ausbau der Ganztagsschule große Bedeutung zu. Nicht wenige Lehrerinnen und Lehrer befürchten, dass die Ganztagsschule eine weitere Verschärfung der schon prekären Belastungssituation mit sich bringen wird. Andererseits ergeben sich mit ihr auch Chancen für mehr Flexibilität in den schulischen Abläufen, die einer gesundheitsförderlichen Arbeitsorganisation zugute kommen könnte (z. B. mehr Möglichkeiten für Tätigkeitswechsel, für die Berücksichtigung individuell unterschiedlicher Bedürfnisse im Arbeitsablauf, für die Förderung außerunterrichtlicher Kommunikation und die deutlichere Abgrenzung von schulischer Arbeit und Freizeit). Doch bedarf es hier wissenschaftlicher Einflussnahme und Kontrolle, um sicherzustellen, dass die prinzipiell möglichen positiven Effekte in der Tat auch erreicht werden.

Drittens: Verbesserte Rekrutierung und Vorbereitung des Lehrernachwuchses
Unsere Ergebnisse weisen darauf hin, dass es dringend geboten ist, sich systematischer dem Lehrernachwuchs zuzuwenden. Auch und gerade mit Blick auf die Belastungen des Lehrerberufs gilt es zum einen, angemessene Eignungsvoraussetzungen zu sichern, und zum anderen, die Vorbereitung durch das Studium zu verbessern (Näheres vgl. Schaarschmidt, 2004).

Wenden wir uns zunächst der Eignungsfrage zu: Aus unseren Untersuchungsergebnissen lässt sich entnehmen, dass die Personen mit dem problematischsten Beanspruchungsmuster B, die immerhin ein Viertel der Studierenden ausmachen, ihre Eignung für den Lehrerberuf am stärksten in Frage stellen. Es sind dabei vor allem Einschränkungen in der Widerstandskraft, Defizite in der sozial-kommunikativen Kompetenz und eine generelle Beeinträchtigung des Selbstvertrauens, die mit diesem Muster verbunden sind. Klar ist, dass derartige Handicaps während der Ausbildung nicht oder kaum wettgemacht werden können. Es muss bereits vor Aufnahme des Studiums die Entsprechung von Eignungs- und Anforderungsprofil stärkere Berücksichtigung finden. Als vom Kandidaten einzubringende Basisvoraussetzungen sind neben emotionaler Stabilität und einer aktiv-offensiven Haltung den Lebensanforderungen gegenüber vor allem Stärken im sozial-kommunikativen Bereich gefordert. Und dazu zählen prosoziale Einstellung, Sensibilität und Rücksichtnahme, zugleich aber auch die Fähigkeit zur Durchsetzung und Selbstbehauptung. Freilich muss auch betont werden, dass allein über die Gewährleistung besserer Eignungsvoraussetzungen die kritische Beanspruchungssituation im Lehrerberuf nicht aus der Welt zu schaffen ist. Die Eignungsprüfung kann und darf nicht die gestalterische Einflussnahme auf die Berufsbedingungen ersetzen, wie sie in den vorangegangenen Punkten gefordert wurde.

Motivationale Defizize beim Lehrernachwuchs
Ein weiterer Eignungsaspekt ist die berufsspezifische Motivation. Unseren Ergebnissen zufolge liegt hier ein besonderes Problem vor. Lehrer müssen motivierungs-, ja begeisterungsfähig sein. Das setzt die eigene hohe Berufsmotivation voraus. Tatsache ist jedoch, dass für mehr als die Hälfte des Lehrernachwuchses motivationale Defizite zu verzeichnen sind. Natürlich kann die Motivation durch eine gute Ausbildung gefördert werden. Allerdings müssen auch dafür Basisvoraussetzungen vorhanden sein. Gefragt sind junge Menschen, die mit Tatkraft und pädagogischem Optimismus (nicht zu verwechseln mit idealistischer Verklärung und Allmachtsphantasien) Erziehung und Bildung aktiv mitgestalten wollen. Um sie in größerer Zahl anzuziehen, muss der Lehrerberuf allerdings attraktiver sein, als er es gegenwärtig ist. So gesehen dienen alle Maßnahmen einer persönlichkeits- und gesundheitsförderlichen Gestaltung der beruflichen Bedingungen letztlich auch der Gewinnung eines besser motivierten Nachwuchses.

Studenten brauchen praxisnahe Ausbildung
Was den zweiten Punkt, die Konsequenzen für das Studium, betrifft, so geht es uns vor allem um eine Schlussfolgerung: Ohne die theoretische Ausbildung zu vernachlässigen, sollte dem Erwerb beruflicher Handlungskompetenzen mehr Gewicht gelten. Künftige Lehrer brauchen mehr situationsnahes Lernen und Trainieren, denn sie sollten schon bei Eintritt in den Beruf besser mit solchen Fähigkeiten ausgestattet sein, die ihnen die erfolgreiche Bewältigung berufsfeldbezogener Alltagsprobleme ermöglichen. Dazu gehört ebenfalls die Befähigung zum effektiven Selbst-Management in Belastungssituationen. Auch dies sollte als ein wesentlicher Bestandteil der Professionalität in der Lehramtsausbildung Berücksichtigung finden. Unsere Erfahrungen mit einschlägigen Problembewältigungs-Trainings im Lehramtsstudium zeigen, dass in dieser Hinsicht großer Bedarf besteht und in der Tat ein Beitrag dazu geleistet werden kann, dass die künftigen Lehrer ihren beruflichen Aufgaben mit mehr Selbstvertrauen und Kompetenzerleben entgegensehen. Wir halten es für wichtig, derartige Bestandteile in die Berufsvorbereitung zu integrieren. Dabei geht es sowohl um das Lehramtsstudium als auch um die Ausbildung der Referendare.

Viertens: Entwicklungsbemühungen der Lehrer selbst
Natürlich sind nicht zuletzt die Lehrer selbst gefordert, über eigene Bemühungen ihre Beanspruchungssituation besser zu meistern. Auch in dieser Hinsicht gibt es mehrere Wege, die der weiteren Ausarbeitung und Förderung bedürfen.

An erster Stelle steht hier die Kompetenzentwicklung. Sie ist ohne Frage die wichtigste vom Lehrer selbst zu realisierende präventive Maßnahme.
Kompetenzerweiterung heißt auch, aus Rückmeldungen zu lernen. Es kommt unter diesem Gesichtspunkt auch darauf an, Voraussetzungen für Evaluation und Leistungsbeurteilung zu schaffen. Dazu gehört die individuelle Bereitschaft, sich einer solchen Herausforderung zu stellen.
Und schließlich geht es darum, dass jeder einzelne Lehrer aktive Bemühungen zur Erhaltung und Förderung der eigenen Gesundheit unternimmt. Gemeint sind hier die selbstverantwortliche Vorsorge, bei der Erholung und Fitness die erforderliche Beachtung erfahren, die Nutzung vorbeugender und unterstützender Maßnahmen, wie sie im schulischen Kontext möglich sind (Supervision, Gesundheitszirkel, Entspannungstraining u. dgl. mehr), aber auch die rechtzeitige Inanspruchnahme professioneller beraterischer, betreuerischer und therapeutischer Hilfe, wenn dies angezeigt ist.
Dabei besagen unsere Erfahrungen, dass es vielen Lehrerinnen und Lehrern schwer fällt, eigene Hilfsbedürftigkeit zu erkennen und im zweiten Schritt auch einschlägige Hilfe zu suchen. Offensichtlich ist es eine wichtige Aufgabe, gerade auch unter dem Aspekt psychischer Gesundheit die Fähigkeit und Bereitschaft zur Selbstreflexion und Selbstanalyse zu entwickeln. Unsere Untersuchungen haben gezeigt, dass bei den meisten der den Risikomustern zugehörigen Personen schon eine lange Entstehungs- und Leidensgeschichte vorliegt, die wenigsten von ihnen aber professionelle Hilfe in Anspruch genommen haben. Freilich bedarf es in dieser Hinsicht auch eines ausreichenden und qualifizierten Angebotes. Von wenigen Ausnahmen abgesehen kann davon noch keine Rede sein. Zu fordern sind die regelmäßige arbeitsmedizinische Vorsorgeuntersuchung, aber auch ein darüber hinausreichendes regionales System der individuellen Beratung und Unterstützung. Natürlich muss auch klar sein, dass ein Beratungs- und Betreuungssystem Problemlösungen unterstützen, aber wesentliche Ursachen für Problementwicklungen nicht beseitigen kann. Deshalb muss der Schwerpunkt eindeutig bei der Veränderung der Bedingungen liegen, von denen in erster Linie die Gesundheitsrisiken ausgehen.

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